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Erinnerungen eines internationalen Studenten an Chinas Bildungsmaschinerie

Ryan arbeitet derzeit im Export und lebt in Los Angeles. Dies ist seine Geschichte.

Ich komme aus Xi’an in der Provinz Shaanxi. Als ich 6 Jahre alt war, ging ich in die erste Klasse Grundschule. Meine Mutter, genau wie viele andere Mütter, nahm mich zum Mathetraining im Trimathalon-Stil mit. Dort war ich drei bis fünf Mal pro Woche, nach meinen regulären Schulzeiten. Der Hauptzweck dieses außerschulischen Unterrichts war, bei Wettbewerben zu gewinnen, damit ich an die beste lokale Mittelschule gehen konnte. Der Besuch der besten Mittelschule bietet die Möglichkeit, das beste Gymnasium zu besuchen. Der Besuch des besten Gymnasiums erhöht die Chance, auf eine bessere Universität zu gehen.

Während meiner Schulbildung in China stellte der Wettbewerb die Kernkompetenz der Ausbildung dar. Um im Abschlusswettbewerb – der Aufnahmeprüfung für die Universität – erfolgreich zu sein, muss man immer die richtige Standardantwort geben. Sein eigenes Denken muss man ständig dem System anpassen, um der Art und Weise zu entsprechen, die das System von einem fordert. Es wird einem gesagt, wie und was man zu denken hat, bis man seine eigene Meinung darüber, was richtig und falsch ist, völlig vergisst und den Systemstandard von Richtig und Falsch akzeptiert.

Eine Maschine kann die benötigte Antwort immer in kürzester Zeit liefern, aber sie hat nicht die Fähigkeit zu beurteilen, was richtig oder falsch ist. In bestimmten Klassen wie Geschichte oder Politische Bildung gab es viele verdrehte und hasserfüllte Inhalte. In der Grundschule haben wir das Politikbuch „Gesellschaft” studiert. In der Mittelstufe heißt das Politikbuch „Ideologische und ethische Bildung”. Im Gymnasium heißt es dann „Politik”. Dies sind drei verschiedene Bezeichnungen, aber sie alle lehren das Gleiche. Ob es sich nun um einen politischen Test in der Mittelschule, dem Gymnasium oder der Universität handelt, es läuft immer nach dem gleichen Schema ab: Wenn man nicht ausdrückt, wie korrekt, weise oder großartig die kommunistische Partei ist, oder keine Verehrung gegenüber den Führern der Partei zeigt, erreicht man die geforderte Punktzahl nicht. Das gesamte Unterrichtsfach der politischen Bildung ist eine Demonstration für die direkte oder indirekte Verehrung der kommunistischen Partei.

In den Lehrbüchern des Geschichtsunterrichts werden die Lügen präsentiert, die das System den Schülern unterbreiten will, und nicht Fakten. Die Wahrheit ist schwer zu finden, und es ist verboten, andere Antworten zu geben oder ein anderes Denken zu haben. Man muss die gewünschte Antwort geben. Mit der Zeit werden dann die Lügen zur Wahrheit. Die Geschichte in unserem Lehrbuch ist eine erfundene Geschichte, die weniger als 20% der realen Geschichte enthält, kombiniert mit einigen verdrehten Inhalten, die die Gefühle eines Studenten manipulieren. Er wird dazu gebracht zu denken, dass die westliche Gesellschaft das chinesische Volk missachtet und China tyrannisiert. Dies ist vergleichbar mit den heutigen Medien in China, die ständig versuchen, einen gemeinsamen Feind zu finden, den die Öffentlichkeit hassen kann. Dies lässt die Menschen dann vergessen, wie schrecklich die kommunistische Partei das chinesische Volk behandelt.

Begegnung mit Falun Gong

Das erste Mal habe ich von Falun Gong gehört, als ich sieben Jahre alt war. Eines Tages waren im Fernsehen ständig negative Nachrichten über Falun Gong zu sehen. Als ich diese Art Nachrichten sah, nahm ich sie mir aber nicht wirklich zu Herzen. In der Grundschule gab es in unseren Lehrbüchern auch Propaganda über Falun Gong. Bei unseren Prüfungen gab es Fragen, die es über Falun Gong zu beantworten galt. Man musste Falun Gong schlecht aussehen lassen, um die Frage „richtig” zu beantworten.

Nach 18 Jahren Ausbildung in China wurde ich müde und scheiterte völlig an meiner Ausbildung in diesem System. Später schickten mich meine Eltern ins Ausland, aber ich hatte trotzdem kein Interesse am Studium. So verbrachte ich die meiste Zeit damit, mit anderen internationalen Studenten zusammen zu sein und zu feiern. Ich wollte nur trinken, lachen und mich verlieren. Aber eines Tages fand ich keinen Spaß mehr daran. Also stürzte ich mich in Videospiele, bis auch diese ihre Anziehungskraft verloren.

Mit dieser Leere in meinem Herzen begann ich nach spirituellen Büchern zu suchen. Eines Tages fand ich Zhuan Falun, das Hauptwerk von Falun Gong. Ich hatte das Gefühl, dass seine Prinzipien genau das waren, was ich brauchte, und so begann ich mit der Praktik. Das war vor etwa 4 Jahren, als ich 23 Jahre alt war.

Damals lebte ich mit drei Mitbewohnern, die auch Austauschschüler aus China waren. Ich hatte Bedenken, dass sie mich beim Lesen eines Falun-Gong-Buches sehen könnten. Nachdem ich also 3 Kapitel gelesen hatte, hörte ich damit auf. Meine Mitbewohner waren im gleichen Alter wie ich. Wir alle sind mit der ständig negativen Propaganda über Falun Gong aufgewachsen. Nicht jeder hat die Fähigkeit, aus dieser Art von Programmierung auszusteigen. Ich wollte mein eigenes Denken entwickeln. Aber meine Mitbewohner hatten diese negativen Ideen tief in ihrem Kopf verankert. So hatte ich Angst, dass sie mich anders behandeln oder sich von mir distanzieren würden, wenn sie herausfanden, dass ich ein Falun-Gong-Buch las.

In den frühen 2000er Jahren gab es viele Nachrichten im chinesischen Fernsehen, in denen es hieß, dass sich Falun-Gong-Praktizierende auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking in Brand gesteckt hätten, und ich habe nie etwas anderes darüber gehört. Aber eines Tages sah ich im Ausland einige Nachrichten im Internet, die besagten, dass dieser Vorfall nicht wahr sei, und dass die kommunistische Partei die Veranstaltung nur inszeniert hatte, um Falun Gong einen schlechten Ruf zu geben. Nachdem ich diese Nachricht gesehen hatte, beschloss ich, einen weiteren Blick auf Falun Gong zu werfen, und begann wieder Zhuan Falun zu lesen. So las ich an einem Tag von 18.00 Uhr abends bis 6.00 Uhr morgens das Buch durch. Ich blieb die ganze Nacht auf, weil mir das Buch viele Dinge erklärte. Danach begann ich erneut Falun Gong zu praktizieren.

Angst vor Kommilitonen

Gleich zu Beginn meiner Praxis traf ich einige andere Chinesen in meinem Alter und versuchte, mit ihnen über Falun Gong zu diskutieren. Ich erlebte verschiedene Reaktionen. Ein Mädchen zitterte fast, als hätte sie Angst mit mir zu reden, weil sie zu viele verleumderische Nachrichten gelesen hatte, die die Falun-Gong-Praktizierenden wie Monster erscheinen ließen. Andere Leute, mit denen ich sprach, zeigten keine Neugierde darüber, was Falun Gong überhaupt ist. Sie glaubten, was ihnen in China gezeigt worden war und dachten, die Wahrheit bereits zu kennen.

Schließlich habe ich meinen Mitbewohnern gesagt, dass ich Falun Gong praktiziere und Falun Gong nicht so ist, wie es die chinesischen Medien darstellen. So hörten sie auf, Angst davor zu haben. Aber dann wechselten sie sogleicht zu einer anderen Denkweise über und befürchteten, dass Falun Gong an bestimmten politischen Aktivitäten beteiligt sein könnte und versucht, die Regierung zu Fall zu bringen. Es war ihnen auch klar auch, dass die chinesische Regierung versucht, Falun Gong zu eliminieren, also versuchten sie, sich davon fernzuhalten. Sie wollen keine Schwierigkeiten bekommen.

Ich habe mit vielen jungen Chinesen über Falun Gong gesprochen. Wir hatten einen Infostand, um die Wahrheit über Falun Gong zu erklären und die Leute reagierten unterschiedlich. Eine chinesische Studentin kam an den Stand und sagte: „Ich wusste es! Ich wusste, dass die negativen Nachrichten über Falun Gong gefälscht sind.” Als sie die negativen Nachrichten sah, wusste sie innerlich bereits, dass es sich um eine Fälschung handelte, erzählte sie. Es gab auch Menschen, die die kommunistische Partei verlassen wollten.  Eine Dame teilte mit, dass sie austreten wolle, weil ihr das System nicht gefalle. Es gab auch negative Reaktionen: Manchmal kamen chinesische Schüler, um uns mit einem Video aufzunehmen. Sie versuchten uns auf diese Weise einzuschüchtern. Es spielt keine Rolle; wir tun einfach, was wir tun sollen und erklären den Menschen, was vor sich geht.

Gedankenfreiheit

Ich lebe seit acht Jahren in den USA und habe ein Community College absolviert. Die Ausbildung ist hier völlig anders als in China. Das war eine große Überraschung für mich. Ich stellte fest, dass die Studenten diskutierten und Gespräche mit Professoren in der Klasse führten; sie führten tatsächlich eine Diskussion und tauschten Meinungen aus. Das kann man in China absolut nicht erleben. In China ist der Lehrer in einer 45-minütigen Klasse der einzige, der spricht, und die Schüler hören nur zu und akzeptieren die Antworten. Es gibt absolut kein Gespräch oder Austausch von Meinungen oder Ideen.

In China geht es im Bildungssystem nicht wirklich darum, zu lernen und zu diskutieren, also gibt es keinen Grund, etwas zu besprechen. Erstens musst du absolut akzeptieren, was dir gesagt wird, und zweitens hast du keinen Zugang zu anderen Informationen als jene, die in der Klasse gelehrt werden. Da du nur einen Standpunkt präsentiert bekommst, hast du keine Vergleiche, über die du nachdenken oder diskutieren musst. Du lebst in einer Wettbewerbs-Umgebung, also gibt es keinen Grund zu diskutieren, ob etwas richtig oder falsch ist oder ob man eine andere Meinung hat.

Ich persönlich denke, dass das Bildungssystem der kommunistischen Partei eine Verfolgung aller Studenten ist. Es ist ein System, das einen in einen Prozess des Vergessens zieht: Des Vergessens von sich selbst, des Vergessens des besten Teils der Menschheit, des Vergessens, die Welt mit einem gütigen Herzen zu sehen. Wenn Schüler im Alter von sechs oder sieben Jahren einer kommunistischen Jugendgruppe beitreten müssen, haben sie keine Option. Kleine Kinder schwören, sich der kommunistischen Partei zu opfern. Junge Kinder mögen sich vielleicht darüber freuen, dass sie ein solches Gelübde ablegen dürfen, aber sie verstehen dessen wahre Bedeutung wirklich nicht. Grundschülern sollte niemals ein Ritual aufgezwungen werden.

Die vielen Jahre einer solchen Ausbildung bringen Studenten mit einer sehr ähnlichen Denkweise hervor. Jeder ist strebend, kalt und wetteifernd. Schließlich verliert man die Fähigkeit, sich ein eigenes Urteil zu bilden oder die Dinge bewusst und objektiv zu sehen. Es ist eine Ausbildung ohne moralische Standards, ausgerichtet auf Kampf und Wettbewerb. Dies ist das Ergebnis eines Bildungssystems, das nicht bildet, sondern nur die besten Kandidaten auswählt, die dem Produktionsstandard entsprechen. Die Menschen, die mit dieser Art von Bildung erfolgreich sein wollen, müssen bestimmt einen Teil von sich selbst, einen guten Teil von ihrer Menschlichkeit aufgeben. Sie verlieren auch etwas von ihren eigenen Fähigkeiten und ihrer Kreativität. Ich habe meine Ausbildung in China nicht bestanden. Besonders in der Politik- und Geschichtsklasse bin ich seit der Grundschule gescheitert und habe nur knapp das Gymnasium abgeschlossen. Ich bin sehr froh, dass ich die Möglichkeit hatte, im Ausland zu studieren.

Ob eine Person die Ausbildung der kommunistischen Partei akzeptiert, hängt meiner Meinung nach direkt mit dem moralischen Standard zusammen. Jeder ist Teil des Systems, aber eine Person kann sich trotzdem entscheiden, ihrem Gewissen treu zu bleiben. Man kann denken: „Ja, ich bin im kommunistischen Kultur- und Bildungssystem und ja, ich muss die erforderlichen Antworten geben, aber in meinem Kopf kann ich mein eigenes Denken haben. Ich werde die notwendigen Antworten schreiben, aber ich weiß, dass das nicht richtig ist.” Dies ist also der Schlüssel, innerhalb des Systems ein unabhängiges Denken und Urteilen aufrechtzuerhalten.

Was die Falun-Gong-Frage in China betrifft, so möchte ich meinen chinesischen Freunden sagen, dass ich sie wirklich gut verstehe. Wir sind mit der negativen Propaganda über Falun Gong aufgewachsen und haben nichts Anderes gehört. Ich weiß, dass ihr deshalb nicht wirklich bereit seid, eure Meinung zu ändern. Euer Verstand ist bereits mit negativen Gefühlen und einer negativen Einstellung angefüllt. Aber wenn ihr die Chance habt, China zu verlassen, dann legt für eine Sekunde alle negativen Gedanken und Einflüsse beiseite. Werft einen Blick auf die Wahrheit und seht, wie sich die Welt außerhalb Chinas darstellt und anfühlt. So kann man beide Seiten sehen und selbst darüber entscheiden, ob Falun Gong negativ oder positiv ist.

Das ist es, was ich hoffe. Ich hoffe, dass sich die Menschen eine Minute Zeit nehmen, um ihr eigenes unabhängiges Denken zu entwickeln und selbst entscheiden, was gut und was schlecht ist.

 Übersetzt aus: An International Student Recalls China’s Education Machine

Systematische Verfolgung seit 20 Jahren – 20. Juli 1999​

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