Share on facebook
Share on twitter
Share on telegram
Share on google
Share on email
Share on print

Die Kultivierungsgeschichte von Milarepa – Teil X

„Onkel war zu diesem Zeitpunkt bereits in meiner Heimatstadt gestorben. Nach seinem Tod war Tante aufrichtig reumütig und kam mit vielen Spenden nach Drin, um mich zu besuchen. Sie ließ die schwereren Sachen im Dorf zurück und brachte mit, was sie auf den Berg tragen konnte. Peta sah sie kommen und sagte zu mir: ‚Bruder, die Tante ist da. Sie hat uns solches Leid beschert. Lieber würde ich sterben, als ihr zu begegnen!‘ Sie rannte aus der Höhle hinaus und zog die Zugbrücke am Rande der Klippe hoch. 

Tante hielt an der Brücke an und rief: ‚Nichte, bitte zieh doch die Brücke nicht hoch! Ich bin doch deine Tante!‘

Peta erwiderte: ‚Ich weiß, dass du es bist. Darum habe ich die Brücke hochgezogen.‘

Tante sagte: ‚Meine Nichte. Das verstehe ich. Ich bereue wirklich, was ich euch Beiden angetan habe, und deshalb bin ich hierhergekommen, um mich zu entschuldigen. Ich hoffe, dass ich mich mit dir und deinem Bruder treffen kann. Wenn du mich wirklich nicht sehen willst, könntest du bitte deinem Bruder sagen, dass ich hier bin?‘

Ich ging zum Rand der Klippe und setzte mich hin. Tante sah mich, machte Kotau vor mir und bat mich, sie zu empfangen. Ich dachte bei mir: ‚Wenn ich mich weigere, mich mit ihr zu treffen, dann ist das nicht das, was ein Dharma-Praktizierender tun sollte. Das Beste wäre aber, sie zuerst Reue bezeugen zu lassen.‘ Und so sagte ich zu ihr: ‚Ich habe alle Beziehungen zu meinen Verwandten abgebrochen, besonders zu Onkel und Tante. Du hast uns früher solches Leid zugefügt. Als ich später als Dharma-Praktizierender um Almosen bettelte, hattest du nichts für mich übrig und mir wieder viel Kummer bereitet. Darum habe ich beschlossen, meine Beziehung zu dir abzubrechen.‘

Als meine Tante das hörte, fing sie zu an zu schluchzen. Sie verbeugte sich viele Male vor mir und sagte unter Tränen: ‚Neffe, du hast völlig recht. Bitte vergib mir. Ich bin heute hierher gekommen, um aufrichtig Buße zu tun. Ich bin sehr traurig in meinem Herzen. Ich kann meine Zuneigung zu meinen Verwandten nicht aufgeben, also bin ich hier, um dich und deine Schwester zu sehen. Bitte nehmt mich auf, sonst werde ich mich vor euch beiden umbringen.‘ 

Ich hatte Mitleid mit ihr und wollte die Zugbrücke herunterlassen. Doch Peta flüsterte mir zu, ich solle sie ignorieren. Sie zählte viele Gründe auf, warum wir das tun sollten. Ich erwiderte: ‚Normalerweise könnte es Schwierigkeiten geben, wenn man Wasser mit jemandem trinkt, der die Gebote gebrochen hat. Doch jetzt ist die Situation anders und es hat nichts mit einem Bruch von Geboten zu tun. Ich bin ein Praktizierender und sollte mich trotzdem mit ihr treffen.‘ Ich ließ die Brücke herunter und wartete auf Tante, bis sie herüberkam. Dann erläuterte ich ihr ausführlich das Dharma über Ursache und Wirkung.

Tantes Herz veränderte sich völlig und sie fing an, dem buddhistischen Dharma zu folgen. Von da an folgte sie den Lehren und wurde eine sehr gute Yogini, die Erlösung erlangte.“

Als der Ehrwürdige seine Rede beendete, sagte Zhiwa O zu ihm: „Als der Meister Dharma suchte, wart Ihr so aufrichtig, vertrauensvoll und gehorsam, weil Ihr Drangsale durchstanden hattet. Nachdem Ihr die Lehren erhalten habt, habt Ihr Meditation in den Bergen praktiziert. Wie auch immer wir das betrachten, ist es nicht etwas, das wir erreichen können. Wir trauen uns gar nicht, dieses Dharma zu kultivieren. Aber das bedeutet, dass wir dem Leiden der Reinkarnation nicht entkommen können. Was sollen wir denn tun?“ Bei diesen Worten fing er an zu jammern.

Der Ehrwürdige erwiderte: „Gebt doch die Hoffnung nicht auf. Ich sage euch, wenn ihr oft an das schmerzhafte Leiden der Reinkarnation und in den Drei Weltkreisen denkt [Tiere, hungrige Gespenster und Wesen in der Hölle denkt; ihnen mangelt es an Weisheit und Urteilsvermögen und sie sind in ständiger Bedrängnis ohne Hoffnung auf Erlösung, daher werden sie die Drei Niedrigeren Ebenen bezeichnet], dann wird ganz natürlich euer Herz entstehen, fleißig voranzustreben und nach dem Dharma zu suchen. Jeder, der an das Dharma von Ursache und Wirkung glaubt und entschlossen ist, wird in der Lage sein, fleißig und ausdauernd zu praktizieren wie ich. Denn wenn man auf diese Weise praktiziert, wird es schwieriger, sich von den Acht Weltlichen Winden bewegen zu lassen. Wenn ein Mensch keinen Glauben an Dharma hat und nur einige Theorien kennt, ist das nutzlos, weil er von den Acht Weltlichen Winden nicht unbewegt bleiben kann. Daher muss man, um Dharma zu lernen, zuerst an die Beziehung von Ursache und Wirkung glauben. Diejenigen, die nicht an die ausgleichende Gerechtigkeit von Ursache und Wirkung glauben und über heilige Lehren sprechen und Schlussfolgerungen ziehen, reden nur darüber, aber das hat keinen wirklichen Wert. Denn das Thema Leere ist sehr subtil, schwer zu erklären und zu verstehen. Wenn man ein klares Verständnis von Leere hat, wird man erkennen, dass Leere von Ursache und Wirkung nicht getrennt ist. Das heißt, Leere entstammt der Beziehung zwischen Ursache und Wirkung. Wir müssen daher dem Umgang mit Ursache und Wirkung besondere Beachtung schenken sowie das Böse loslassen oder Gutes tun. Wir müssen in dieser Hinsicht vorsichtiger sein als die gewöhnlichen Menschen. Bei allem Dharma geht es also grundsätzlich darum, an Ursache und Wirkung zu glauben und daran zu arbeiten, Gutes zu tun und Schlechtes sein zu lassen. Das ist das Wichtigste, wenn man buddhistisches Dharma lernt.

Zuerst verstand ich Leere nicht, hatte aber einen starken Glauben an Ursache und Wirkung. Als ich erkannte, dass ich große Sünden begangen hatte und mit einem unseeligen Schicksal enden würde, wurde mir himmelangst. Und so entstanden auf natürliche Weise mein aufrichtiger Glaube an den Meister und gewissenhaftes, fleißiges Praktizieren. Ihr sollt es so machen, wie ich es durch Mantrayana Meditation allein in den Bergen tat. Wenn ihr das tun könnt, garantiere ich euch definitiv, bei der Befreiung Erfolg zu haben.“

Ein anderer Schüler fragte: „Meister, Ihr müsst ein transformierter Körper von Vajradhara sein. Um Lebewesen Erlösung anzubieten, manifestiert Ihr Euch in dieser menschlichen Welt und etabliert solch ein außergewöhnliches Vermächtnis. Oder zumindest seid Ihr ein großartiges Wesen, das unzählbare Äonen des Praktizierens von Dharma durchlaufen hat. Ihr habt großartige Buddhaschaft auf der Ebene erlangt, von der aus kein Rückschritt möglich ist. Ohne jedes Zögern habt Ihr für Dharma Euer Leben und Euren Körper riskiert und entsprechend praktiziert. Alles, was Ihr getan habt, demonstriert, dass Ihr eine außergewöhnliche Bodhisattwa seid. Die Kultivierung der Askese und das Durchhaltevermögen, das der verehrte Meister gezeigt hat, ist etwas, was wir gewöhnlichen Schüler nicht tun können und nicht einmal wagen, daran zu denken. Selbst wenn wir es lernen wollten, würden unsere physischen Körper das nicht aushalten können. Meister, Ihr müsst also ein umgewandelter Körper eines Buddhas oder einer Bodhisattwa sein. Obwohl wir nicht in der Lage sind, wie Ihr zu praktizieren, wissen wir, dass jedes Lebewesen, das Euch  begegnet oder Dharma hört, sicherlich aus der Reinkarnation heraustritt und Befreiung erlangt. Das ist zweifellos sicher. Könntet Ihr uns bitte genau sagen, von welchem Buddha oder welcher Bodhisattwa Ihr ein umgewandelter Körper seid?“

Der Ehrwürdige erwiderte: „Ich weiß nicht, ob ich ein umgewandelter Körper bin. Höchstwahrscheinlich bin ich ein umgewandelter Körper der Drei Niedrigeren Ebenen (Drei Weltkreise)! Wenn ihr mich als Vajradhara betrachtet, werdet ihr natürlich unterstützt. Wenn ihr mich als einen umgewandelten Körper betrachtet, zeigt das euren reinen Glauben an mich, doch das ist eine äußerst falsche Sicht des Dharma! Das liegt daran, dass ihr die Tiefgründigkeit des Buddha-Dharma nicht verstanden habt. 

Ich war zum Beispiel ein einfacher, gewöhnlicher Mensch und beging in der ersten Hälfte meines Lebens große Übeltaten. Mit dem Glauben an karmische Vergeltung von Ursache und Wirkung beschloss ich, alles weltliche Leben aufzugeben und mich der Kultivierung hinzugeben. Gerade jetzt bin ich nicht weit davon entfernt, Buddhaschaft zu erlangen. Angenommen, man könnte einen hochqualifizierten Meister treffen, seine Lehren erhalten und Mantra-Grundlagen und unverfälschte Verse bekommen. Wenn man authentisches Abhisheka bekommt und entsprechend dem Dharma praktiziert, ist es absolut möglich, Buddhaschaft in einem Leben zu erreichen. Wenn man während seines Lebens nur Übeltaten und die fünf großen Sünden begeht, wird man am Ende seines Lebens sofort in die nicht endende Hölle fallen. Das ist das Ergebnis, wenn man nicht an Ursache und Wirkung glaubt und es an fleißigem Praktizieren mangelt. Wenn man tief in seinem Wesen einen festen Glauben an die Beziehung von Ursache und Wirkung hat, dabei fürchtet, ein unglückliches Schicksal zu erleiden, und höchste Buddhaschaft anstrebt, kann jeder absolut aufrichtig zu seinem Meister sein, wie ich es bin. Das heißt, jeder kann sich aufs Äußerste bemühen und das beste Verständnis erlangen. 

Als ihr danach gefragt habt, von welchem Buddha oder welcher Bodhisattwa ich der umgewandelte Körper sei, habt ihr das geheime Mantra nicht richtig verstanden. Ihr solltet mehr Biographien jener tugendhaften Menschen der Antike lesen, über Reinkarnation nachdenken, euch an die Kostbarkeit eines menschlichen Körpers erinnern und wegen der Vergänglichkeit des Lebens intensiv praktizieren. Ich habe Ruhm, Ansehen, Nahrung und Kleidung losgelassen, um hart zu arbeiten, Trübsal durchzuhalten und in den fernen, unbewohnten Bergen zu praktizieren. Dadurch erreichte ich die Verdienste und Tugend von Wahrnehmungen und Verständnissen. Ich hoffe, ihr alle werdet euch so gut kultivieren wie ich.“

Rechungpa fragte: „Meister, was Ihr getan habt, ist wirklich selten und bewundernswert. Doch was Ihr beschrieben habt, sind alles traurige Geschichten. Könntet Ihr uns einige Dinge sagen, die Menschen entzücken?“

Der Ehrwürdige sagte: „Dinge, die entzücken? Das könnten Leistungen harter Arbeit sein, Menschen und Nicht-Menschen [Nicht-Menschen heißen in Tibet Mis ma yin, das heißt alle nichtmenschlichen Geister der profanen Welt. Asuras und andere Geister werden kollektiv Nicht-Menschen genannt.] sowie Errungenschaften bei der Verbreitung des Buddha-Dharmas.“

Rechungpa fragte: „Habt Ihr zuerst Menschen oder Nicht-Menschen errettet?“

Der Ehrwürdige antwortete: „Zuerst kamen viele Nicht-Menschen, um mich herauszufordern. Ich bändigte sie und später errettete ich sie. Danach errettete ich viele menschliche Schüler. Am Ende kam Tseringma [eine der langlebigen Schwestern], um mich mit ihren übernatürlichen Kräften herauszufordern, und ich errettete sie. Unter den Nicht-Menschen wird Tseringma meine Lehren verbreiten. Unter den Menschen wird Upa Tonpa (auch Gampopa genannt) meine Lehren verbreiten.“

Saban Repa fragte: „Meister, Ihr habt doch hauptsächlich im Lapchi Schneegebirge und Chubar meditiert. Habt Ihr auch an anderen Orten meditiert?“

Der Ehrwürdige erwiderte: „Unter den Orten, an denen ich meditiert habe, waren auch Yolmo Gangra in Nepal, wo die sechs großen berühmten Dzongs [festungsähnliche Strukturen], sechs kleine unbekannte Dzongs und sechs geheime Dzongs waren. Zusammen mit zwei anderen Dzongs waren es insgesamt zwanzig. Außerdem waren da noch vier bekannte Höhlen, vier unbekannte Höhlen und andere kleine Höhlen in den Bergen mit einer Schicksalsverbindung. Nach dem Praktizieren an diesen Orten erreichte ich die Ebene von ‚Kein weiteres Dharma zu lernen, nicht mehr in der Lage sein, weiter zu meditieren.“ 

Rechungpa fragte: „Die grenzenlose Barmherzigkeit des Meisters vollkommener Dharma-Natur gab uns Schülern aufrichtigen Glauben und festes Vertrauen. Wir sind sehr glücklich und danken Euch. Könntet Ihr uns, um zukünftigen Lebewesen zu nutzen, die Namen all dieser berühmten, unbekannten und geheimen Orte nennen?“

Nachdem der Ehrwürdige ihnen die Namen genannt hatte, sagte er: „Durch Kultivierung an diesen Orten werdet ihr durch Schicksalsverbindung und Familiensegnungen bestärkt. Ihr solltet an diesen Orten meditieren.“

Als der Ehrwürdige seine Erzählungen beendete, glaubten alle, die bei dem Treffen waren, an Dharma. Sie waren bereit, die irdische Welt zu verlassen, und hatten ein barmherziges Herz erlangt. Sie verabscheuten die Acht weltlichen Interessen und bewunderten aufrichtig das rechtschaffene Dharma. 

Die Schüler des Ehrwürdigen gelobten ihm, allen irdischen Wünschen zu entsagen, ihr ganzes Leben fleißig Dharma zu praktizieren und Lebewesen zu nützen. Nicht-menschliche Schüler gelobten ebenfalls, das buddhistische Dharma zu schützen. Unter den weltlichen Anwesenden traten viele mit außergewöhnlichen Grundlagen ein, um Schüler des Ehrwürdigen zu werden. Sie praktizierten in Übereinstimmung mit Dharma und wurden zum Schluss Yogis, welche die Wirklichkeitsebenen verstanden. Solche mit durchschnittlichen Grundlagen gelobten alle, mehrere Monate oder Jahre Dharma zu praktizieren. Solche mit geringerer Kapazität beschlossen, in ihrem Leben nicht mehr zu sündigen und oft gute Taten zu vollbringen. Letzten Endes hatten alle, die sich das Dharma anhörten, dadurch Vorteile. 

***

Das Obige ist eine Autobiographie des Ehrwürdigen, die er mit seinen eigenen Worten beschrieben hat und die dann von seinen Schülern aufgezeichnet wurde. Die in seiner ganzen Lebenszeit erreichten Errungenschaften können in drei Hauptkategorien unterteilt werden: Erstens, die Herausforderungen von Nicht-Menschen, in welchen der Ehrwürdige sie besiegte und dann errettete. Zweitens, die Umwandlung und Errettung seiner Hauptschüler mit gesunder angeborener Qualität und deren Erfolge. Drittens, alltägliche Schüler und gewöhnliche weltliche Menschen, die sich das Dharma anhörten und sich daraufhin veränderten.

Die erste Kategorie hinsichtlich Umwandlung und Rettung von Nicht-Menschen kann wie folgt zusammengefasst werden: 

Der Ehrwürdige besiegte in Drakmar Chonglung einen Dämonkönig und lehrte Dharma auf den sechs Wegen zur Erinnerung an seinen Meister. Er folgte der Instruktion von Meister Marpa, später meditierte der Ehrwürdige im Lapchi Schneegebirge, wo er viele Berggeister besiegte und sie das Dharma lehrte. Im darauffolgenden Jahr ging er zu einem Dzong in Lapchi und sang dort einige großartige Lieder. Der Instruktion seines Meisters folgend besuchte der Ehrwürdige später Riwo Pelbar zwischen Mangyul und Nepal. Dann kehrte er nach Gungthang zurück, wo er eine Dämonin unterrichtete. Dann besiegte er im Ragma Changchup Dzong in Riwo Pelbar eine Göttin. Im Kyangpen Namkha Dzong und Takpuhk Senge Dzong (Höhle des Löwen und Tigers) im Wald errettete der Ehrwürdige eine große Anzahl Menschen und Nicht-Menschen. Danach kehrte der Ehrwürdige nach Tibet zurück und blieb in den fernen Bergen, wo er durch Meditation und Manifestation Lebewesen errettete. In einem Dzong in Gungthang sang er das Lied der Tauben. 

Für die zweite Kategorie über die Errettung des Hauptschülers gibt es hier einige Beispiele. Der Ehrwürdige blieb in Drakar Taso und errettete eine große Anzahl Lebewesen. Vajrayogini (eine Göttin) analysierte die unselbständige Entstehung des Schülers des Ehrwürdigen und Rechungpa erhielt eine spezielle Prophezeiung der mündlichen Lehren von Dakinis. Der Ehrwürdige traf seinen spirituellen Sohn Rechungpa auf dem Weg nach Gunthang. Rechungpa ging später nach Indien, um seine Krankheit zu behandeln, und blieb nach seiner Rückkehr bei dem Ehrwürdigen. Der Ehrwürdige traf auch Repa Sangye Kyap im Changchup Dzong. Später war der Ehrwürdige überall berühmt. Wie von Dakinis prophezeit, bot der Ehrwürdige dem König von Khokhom Rettung an, der danach häufig Spenden machte. Während der Ehrwürdige in Nyanam war, besuchte ihn Dharmabodhi aus Indien und machte Kotau vor ihm. Wegen der Schicksalsverbindungen, einschließlich dieser Schicksalsverbindung, wurde der Ehrwürdige noch bekannter. Ein kompetenter und wortgewandter Lama forderte ihn zur Debatte heraus und der Ehrwürdige besiegte ihn mit übernatürlicher Kraft. In Drin traf der Ehrwürdige Dakpo Lharje, seinen besten spirituellen Sohn und ein großartiges Wesen, gemäß Buddha Shakyamunis Weißem Lotus Sutra der Barmherzigkeit. Dakpo Lharje, auch bekannt als Prinz des Mondlichts, wurde wiedergeboren, um Lebewesen zu nützen. Er erschien als Arzt und war auch bekannt als Gampopa. In Chubar errettete der Ehrwürdige Loton Gendun, der anfangs feindlich gesinnt war. 

Gemäß den Prophezeiungen der Dakinis erreichten fünfundzwanzig von allen Schülern des Ehrwürdigen großartige Errungenschaften. Darunter waren acht Herzschüler, dreizehn Schüler und vier Schülerinnen. Ihre Errettung wurde im Mila Grubum (auch als die Hunderttausend Gesänge von Milarepa bekannt) beschrieben. 

In der dritten Kategorie über die Errettung von anderen gibt es Gesänge und unterschiedliche Erzählungen. Zum Beispiel luden Schüler den Ehrwürdigen ein, in Nyanam zu leben, wo Rechungpa um den Vortrag über die Biographie des Ehrwürdigen gebeten hatte. 

Mittels unterschiedlicher Manifestationen drehte der Ehrwürdige das Rad des Dharma. Mit unvorstellbaren Mitteln half er zahllosen Lebewesen mit Schicksalsverbindung, Reife und Befreiung zu erreichen. Jene mit überragenden Kapazitäten hatten großartige Fertigkeiten; jene mit mittelmäßigen Kapazitäten richteten ihre Wege ein; solche mit niedrigeren Kapazitäten entwickelten ihren Geist zur Erleuchtung und vollbrachten gute Taten. Der Rest verbreitete auch Güte und gute Gepflogenheiten. Das erfreute Himmel und Menschenwelt durch große Barmherzigkeit und Leere. Das Dharma schien so hell wie Tageslicht, half zahllosen Lebewesen, Leiden auf niedrigeren Ebenen zu vermeiden und der Beschränkung von Wiedergeburt zu entkommen. Während zahllose Lebewesen im Meer von Geburt und Tod unermessliches Leid durchmachten, bot das Dahrma große Errettung und Schutz an, mit unvorstellbaren Verdiensten, Tugenden und Fähigkeiten. 

Nachdem die Errungenschaften zahllosen Lebewesen Vorteile gebracht hatten, traf der Ehrwürdige in Drin Geshe Tsakpuwa [Geshe ist ein tibetischer buddhistischer akademischer Grad]. Tsakpuwa war sehr gierig nach Geld, doch Bewohner in Drin respektierten ihn, weil er ein Gelehrter war. Er wurde immer als Ehrengast zu Festen eingeladen. Nachdem er den Ehrwürdigen getroffen hatte, war Tsakpuwa oberflächlich höflich und gewissenhaft, im Herzen aber neidisch. Er stellte ihm viele Male schwierige Fragen in der Öffentlichkeit und versuchte, den Ehrwürdigen zu verwirren, hatte dabei aber niemals Erfolg. 

Einmal veranstalteten die Dorfbewohner in Drin am ersten Herbsttag im Jahr ein Fest und luden dazu den Ehrwürdigen als Ehrengast ein und an zweiter Stelle Tsakpuwa. 

Als er vor dem Ehrwürdigen öffentlich Kotau machte, dachte Tsakpuwa, der Ehrwürdige würde das auch tun. Wie üblich aber machte der Ehrwürdige vor niemandem Kotau, außer vor seinem Meister, und so fiel er nicht auf die Knie. Tsakpuwa war sehr aufgebracht und dachte: „Ich bin doch ein kompetenter Gelehrter, habe Kotau vor ihm gemacht, der nichts weiß. Er hat das nicht erwidert und sitzt stattdessen ruhig auf dem besten Platz. Das ist absurd, ich muss mich rächen.“ Daher nahm er ein klassisches Buch über Hetu-vidya [die Wissenschaft der Ursachen], platztierte es vor dem Ehrwürdigen und sagte: „Könntet Ihr dieses Buch Wort für Wort erklären, Fragen beantworten und ausdrücken, was Ihr seht, und mit Kommentaren versehen?‘

Der Ehrwürdige erwiderte: „Du magst die Bedeutungslehre klassischer Reden Satz für Satz erklären können. Doch was wirklich bedeutsam ist, ist, die Acht Weltlichen Interessen zu überwinden und seine Selbstgefälligkeit zu bezwingen sowie zu verstehen, dass Wiedergeburt und Nirwana einen einzigartigen Geschmack haben und daher die Anhaftung an Dharma aufheben. Ansonsten haben die logischen, wissenstheoretischen Lehren, die einen instruieren, wie man debattiert, keinen Wert. Und so habe ich sie weder gelernt noch kenne ich sie. Oder ich könnte sie früher einmal gelernt oder gewusst haben, doch habe ich sie schon lange vergessen.“

Tsakpuwa sagte: „Praktizierende wie Ihr könnt sicherlich mit solchen Redensarten antworten, wir Gelehrte aber grübeln darüber auf der Basis von Logik. Was Ihr gesagt habt, ist nicht vereinbar mit dem Schwerpunkt des Dharma. Ich habe vor Euch Kotau gemacht, weil Ihr ein guter Mensch seid …“ Er redete so endlos weiter. 

Als sie diese Worte vernahmen, waren die Almosengeber traurig und sagten: „Geshe! Ganz gleich, wieviel Dharma oder Logik Ihr auch wisst, Menschen wie Euch gibt es überall auf der Welt und doch kann nicht einer von Euch die Poren des Ehrwürdigen ausfüllen. Als unser Gast solltet Ihr besser ruhig da sitzen und darüber nachdenken, wie Ihr Euer Glück vermehren könnt. Hört auf, Euch bei dieser Dharmaversammlung zum Narren zu machen!‘

Tsakpuwa war wütend, aber als er die empörte Menge sah, wusste er, dass es keine Möglichkeit gab, Erfolg zu haben. Ihm blieb nichts anderes übrig, als seinen rasenden Zorn zu unterdrücken. Obwohl er schwieg, war er frustriert und schmiedete schweigend einen Plan. Er dachte: „Solch ein ungebildeter Milarepa hat ein verrücktes Verhalten und redet Unsinn, als würde er im Schlaf reden. Er täuscht die Öffentlichkeit wegen Spenden und bringt dem Dharma Schande. Ich bin ein kompetenter, renommierter Geshe mit Vermögen, aber wie es scheint, in Bezug auf Dharma denken alle hier, ich sei schlechter als ein Hund. Das ist doch lächerlich, ich muss etwas dagegen unternehmen.“ 

(Fortsetzung folgt)

Das Neueste

Archiv