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Die Kultivierungsgeschichte von Buddha Milarepa – Teil IV

Milarepa erzählte weiter:

„Der Meister kam zu mir und sagte: ‚Du hast jetzt die Fähigkeit, Hagel heraufzubeschwören. Aber wir wissen nicht, ob das Getreide in deiner Heimatstadt schon reif ist. Wie hoch ist es jetzt?‘ Ich dachte eine Weile nach und antwortete: ‚Es ist erst so hoch, um eine Perlhalstaube zu verbergen.‘

Nach zwei Wochen fragte der Meister wieder. Ich antwortete: ‚Es ist ungefähr so hoch wie junges Rohrglanzgras.‘ Er sagte: ‚Hm, es ist immer noch etwas zu früh.‘

Nach einiger Zeit fragte er wieder und ich antwortete: ‚Den Pflanzen wachsen jetzt Ohren.‘ Der Meister sagte: ‚Dann ist es jetzt an der Zeit, hinzugehen und den Hagel heraufzubeschwören.‘

Er schickte einen anderen Schüler, um mich zu begleiten. Es war derjenige, der zuvor in meiner Heimatstadt gewesen war, um meine Situation zu bestätigen. Wir verkleideten uns als Wandermönche und begaben uns auf die Reise.

Die Saaten gediehen außergewöhnlich gut in jenem Jahr. Viele ältere Dorfbewohner sagten, dass sie noch nie eine so gute Ernte gesehen hätten. Die Dorfbewohner waren sich einig, dass niemand mit der Ernte beginnen sollte, bis alle zusammen ein großes Fest gefeiert hatten. Ich wartete und ein oder zwei Tage vor der Ernte baute ich einen Altar flussaufwärts am Dorfbach. Nachdem ich alle möglichen Materialien für die Beschwörung vorbereitet hatte, begann ich mit den Zauberformeln und rezitierte die Zauberverse mit lauter Stimme. Der Himmel war klar und es war kilometerweit keine Wolke zu sehen. Ich rief laut den Namen des göttlichen Hüters und begann zu erklären, wie die Dorfbewohner meine Familie misshandelt hatten. Dann rief ich heftig, während ich an meine Brust trommelte und auf meine Kleidung klopfte.

Es war wirklich unvorstellbar. Plötzlich tauchten dunkle Wolken am Himmel auf, Schicht für Schicht und im Handumdrehen wurden aus ihnen große, konzentrierte Wolkentürme, in denen Blitze aufleuchteten und Donner grollte. Riesige Hagelkörner stürzten vom Himmel, eine Welle nach der anderen, sie schlugen auf das Getreide, das die Dorfbewohner gerade ernten wollten. Kein einziges Korn blieb stehen. Darauf folgte eine Flut aus den Bergen, die die Ernte fortschwemmte. Als die Dorfbewohner sahen, wie die gesamte Ernte von der Flut weggeschwemmt wurde, schrien und wehklagten sie. Zum Schluss gab es einen Regensturm. Uns beiden war kalt, so gingen wir in eine nahegelegene Höhle und machten ein Feuer, um uns zu wärmen.

Zu jener Zeit gingen mehrere Jäger an der Höhle vorbei. Sie waren von den Dorfbewohnern weggeschickt worden, um Fleisch für das Erntefest zu besorgen. Einer der Jäger sagte: ‚Hm, keiner schadet uns so sehr wie Topaga. Er hat so viele Menschen getötet und hat nun den ganzen Weizen ruiniert. Wenn ich ihn erwische, werde ich ihm das ganze Blut auspressen und seine Gallenblase herausschneiden. Selbst das reicht nicht aus, um meine Wut zu lindern.‘ 

Ein älterer Mann sagte: ‚Still! Sprich nicht so laut! Schau, da drüben kommt Rauch aus der Höhle. Wer ist da drin?‘ Ein junger Mann erwiderte: ‚Dies ist wahrscheinlich Topaga. Dieser Abschaum hat uns noch nicht gesehen. Lasst uns noch mehr Leute holen, um ihn zu töten, bevor er unser ganzes Dorf zerstört.‘ Eilig gingen sie weiter.

Mein Begleiter sah jemanden unterhalb von uns laufen und ahnte, dass jemand uns bereits entdeckt hatte. Er sagte: ‚Du kannst zuerst zurückgehen. Ich werde so tun, als wäre ich du und eine Weile mit ihnen spielen.‘ Wir vereinbarten, uns vier Tage später in einer Herberge zu treffen. Da ich wusste, dass er sehr stark und mutig war, machte ich mir keine Sorgen, ihn allein zurückzulassen.

Zu jener Zeit hätte ich gern meine Mutter gesehen, aber ich hatte Angst, dass die Dorfbewohner mich verletzen würden. So musste ich mein Dorf verlassen und einen Umweg nehmen, indem ich eine andere Richtung einschlug. Leider biss mich auf der Straße mehrmals ein wilder Hund und mein Bein war mit Wunden übersät. Ich hinkte den Rest des Weges und konnte die Herberge nicht rechtzeitig erreichen.

Nun, was tat mein Begleiter? Nachdem ich an jenem Tag gegangen war, versammelten sich die Dorfbewohner in einer großen Gruppe, um mich zu töten. Mein Begleiter stürmte auf die Männer und Pferde zu und schlug sie auf beiden Seiten nieder. Als die Menge wieder hinter ihm her war, rannte er weg. Wenn die Menge schnell rannte, beschleunigte er; wenn die Menge langsamer wurde, verlangsamte er auch. Als die Dorfbewohner ihn mit Steinen bewarfen, warf er noch größere Steine zurück. Er schrie: ‚Wenn jemand wagt, mich zu schlagen, werde ich keine Gnade kennen und einen Todesfluch aussprechen. So viele Menschen sind wegen mir gestorben, habt ihr keine Angst vor mir? So eine gute Ernte wurde zu einem Nichts. Ist das nicht genug? Wenn ihr meine Mutter und meine Schwester ab sofort nicht gut behandelt, werde ich einen Geister-Teich am Dorfeingang anlegen und einen dämonischen Fluch über den Ausgang sprechen. Ihr alle, die ihr noch am Leben seid, und auch eure Familienmitglieder werden vernichtet werden! Ich werde nicht aufhören, bis das ganze Dorf in Schutt und Asche liegt. Habt ihr keine Angst?‘

Seine Worte ließen die Dorfbewohner erzittern. Sie sahen sich an und murmelten miteinander, aber keiner wagte hervorzutreten. Zum Schluss schlichen sie einer nach dem anderen zurück ins Dorf.

Mein Begleiter kam früher als ich in der Herberge an. Er fragte den Besitzer, ob ein Wandermönch hier gewesen sei. Der Besitzer dachte eine Weile nach und antwortete: ‚Er ist nicht hierhergekommen, aber ich denke, er ist in jenem Dorf, in dem das Fest stattfindet. Er scheint auch verwundet zu sein. Hast du eine Schale? Wenn nicht, kann ich dir eine leihen.‘ Er holte eine graue Schale hervor, die dem Gesicht von Yama (dem Gott des Todes) glich, und gab sie meinem Begleiter. So ging mein Begleiter zu dem Fest und bat um Almosen. Dort fand er mich. Er setzte sich neben mich und sagte: ‚Warum bist du gestern nicht gekommen?‘ Ich antwortete: ‚Einige Tage zuvor, als ich an der Straße um Essen bettelte, wurde ich ein paar Mal von einem wilden Hund gebissen. Jetzt ist es etwas besser. Es gibt keinen Grund, sich Sorgen zu machen.‘

Wir beide gingen dann zurück zu unserem Meister. Er sagte: ‚Ihr beide habt eine großartige Sache getan.‘ Wir waren überrascht und fragten: ‚Wer hat Ihnen davon berichtet?‘ Der Meister antwortete: ‚Der himmlische Wächter. Ich habe ihn diesmal dorthin geschickt. Er kam am Tag des Vollmondes zurück und erzählte mir davon. Wir waren alle sehr glücklich.‘“

Nachdem er diese Geschichte beendet hatte, sagte der Ehrenwerte Milarepa zu den Schülern, die seiner Dharma-Lehre lauschten. „So habe ich schlechte Taten begangen, um Rache zu verüben.“

Rechungpa fragte: „Meister, Sie haben gesagt: ‚Zuerst schlechtes Karma, dann gutes Karma erzeugen.‘ Gutes Karma kommt nur vom aufrichtigen Dharma. Verehrter Meister, war es Ihre vorherbestimmte Schicksalsverbindung, dass Sie dem aufrichtigen Dharma begegnet sind?“

Milarepa sagte: „Ich begann nach und nach, die Sünden des Zaubers und des Hagelschlags zu bereuen. Zu jener Zeit wurde mein Wunsch, das aufrichtige Dharma zu lernen, von Tag zu Tag stärker. Oft wollte ich nicht essen und hatte Schwierigkeiten zu schlafen. Wenn ich ging, wollte ich mich hinsetzen, und wenn ich saß, wollte ich gehen. Ich war unruhig und fühlte mich sehr schuldig wegen der falschen Taten, die ich getan hatte. Diese irdische Welt schien mir oft fremd, aber ich wagte es nicht anzusprechen, dass ich das aufrichtige Dharma lernen wolle. In meinem Kopf dachte ich oft: ‚Werde ich die Gelegenheit haben, hier bei meinem Meister das aufrichtige Dharma zu lernen? Was soll ich tun?‘

Während ich immer wieder darüber nachdachte und mir Sorgen machte, geschah Folgendes: Der Meister hatte ursprünglich einen wohlhabenden Almosengeber. Die Familie jenes Almosengebers hatte eine große Menge Besitztümer. Er glaubte inbrünstig an den Meister und half ihm die ganze Zeit respektvoll und unermüdlich. Dieser Almosengeber wurde plötzlich schwer krank und lud den Meister in sein Haus ein, um für ihn zu beten.

Drei Tage später kehrte der Meister mit einem blassen Gesicht und gezwungenem Lächeln zurück. Ich fragte ihn: ‚Meister, warum ist Ihr Gesicht so blass? Warum zwingen Sie sich ständig zu lächeln?‘

Der Meister seufzte und antwortete: ‚Nichts auf dieser Welt ist ewig. Mein bester Almosengeber, derjenige, der den stärksten Glauben in mich hatte, ist letzte Nacht verstorben. Darum denke ich, dass diese Welt ein trauriger Ort ist. Ein alter Kauz wie ich hat Karma erzeugt: Seit meiner Jugend bis meine Haare weiß wurden, habe ich Zaubersprüche, Beschwörungen und Hagelstürme erwirkt. Obwohl du noch jung bist, hast du auch die Sünden der Beschwörungen und des Hagel-Herbeirufens begangen. Ich fürchte, ich werde in Zukunft für diese schlechten Taten zur Verantwortung gezogen werden.‘

Ich war verwirrt und fragte ihn: ‚Wenn ich an die Lebewesen denke, die wir getötet haben, ist es möglich, dass der Meister ihnen hilft, im Tushita Himmel wiedergeboren zu werden oder die Erlösung zu erlangen?‘ Der Meister antwortete: ‚Tatsächlich ist niemand in der Lage, ihnen zu helfen, errettet oder erlöst zu werden. Von nun an werde ich das aufrichtige Dharma kultivieren, und du könntest helfen, meine Jünger zu lehren. Auf diese Weise kann ich dich zum Himmel von Tushita und zur Erlösung führen. Oder du kannst das orthodoxe Dharma studieren und mich zum Tushita-Himmel führen und befreit werden. Ich werde dir alles geben, was du brauchst, um das Dharma zu suchen.‘

Ah! Ich war so froh, das zu hören! Nachdem ich Tag und Nacht darüber nachgedacht hatte, wurde mein Traum nun Wirklichkeit. Also sagte ich sofort zu meinem Meister: ‚Ich bin bereit, das orthodoxe Dharma zu kultivieren!‘ Er antwortete: ‚Du bist noch jung. Zudem hast du ein fleißiges Herz und einen starken Glauben. Darum, bitte widme dich ganz dem Studium des aufrichtigen Dharma!‘

Der Meister half mir dann, die Kleidung für meine Reise vorzubereiten. Er legte einige Kleidungsstücke von bester Qualität auf ein Pferd und gab sie mir zusammen mit dem Pferd. Er sagte zu mir, Rangton Lhaga in Tsangrong sei ein bekannter Weiser, und empfahl mir, von ihm zu lernen. Nachdem ich mich vom Meister und seiner Frau verabschiedet hatte, ging ich nach Tsangrong.

Rangton Lhagas Frau und mehrere Schüler sagten, dass er nicht da sei, da er einen anderen Tempel besuche. Ich erzählte ihnen, dass Yungton Trogyal mich hierher verwiesen habe, und erzählte ihnen meine Geschichte. Seine Frau bat einen Lama, mich zu Rangton Lhaga zu bringen. Als ich dort ankam, übergab ich die Opfergaben und sagte: ‚Ich habe große Sünden begangen. Bitte gewährt mir Eure Barmherzigkeit und lehrt mich eine Methode für die Erlösung jenseits der Wiedergeburt.‘

Rangton Lhaga antwortete: ‚Hier ist, wie meine Methode wirkt. Die Wurzel kommt aus einer herausragenden Natur, der Übergang weilt in einem herausragenden Prozess und die Frucht bezieht sich auf eine herausragende Manifestation. Wenn du während des Tages darüber nachdenkst, wirst du es während des Tages erhalten; wenn du während der Nacht darüber nachdenkst, wirst du es während der Nacht erhalten. Für diejenigen mit einer guten Grundlage und Schicksalsverbindung ist es nicht nötig zu denken. In dem Moment, indem du das Dharma hörst, wirst du erlöst werden. Ich werde es dich lehren.‘

So machte der Meister Abhisheka für mich und lehrte mich Verse. Damals dachte ich mir: ‚Als ich in der Vergangenheit die Beschwörungen lernte, konnte ich den Effekt nach vierzehn Tagen sehen; die Hagelsturm-Fähigkeit benötigte nur sieben Tage. Was dieser Meister mich lehrt, ist viel einfacher. Ganz gleich ob es Tag oder Nacht ist, solange ich darüber nachdenke, werde ich es erhalten. Und diejenigen mit einer karmischen Schicksalsverbindung müssen nicht einmal denken. Da ich diesem Dharma begegnen konnte, muss ich natürlich eine gute angeborene Qualität haben.‘ So schenkte ich dem Ganzen nicht viel Aufmerksamkeit und machte wenige Fortschritte.

Einige Tage später kam Rangton Lhaga zu mir und sagte: ‚Du hast erwähnt, dass du große Sünden begangen hast. Das ist wahr. Als ich über mein Dharma sprach, habe ich etwas übertrieben. In Wirklichkeit kann ich dir keine Anleitung geben. Bitte geh unverzüglich zu Drowoöung in Lhodrak und folge Marpa Chokyi Lodro. Er ist ein angesehener Großmeister in der Übersetzung der Schriften und ein direkter Schüler des indischen Meisters Naropa. Als ein Praktizierender der Neuen Mantra Tradition hat er die Drei-Weltkreise erreicht. Außerdem hat er eine Schicksalsverbindung mit dir aus einem früheren Leben. Bitte geh und finde ihn!‘

Als ich den Namen des Königs der Schriftenübersetzer Marpa hörte, war mein Herz voller Freude. Die Haare standen mir zu Berge und Tränen rannen mir übers Gesicht. In mir wuchs eine immense, freudige Bewunderung und ein beispielloser Glaube.

Mit Reiseproviant ausgestattet und einem Brief von Rangton Lhaga begab ich mich auf die Reise. Unterwegs dachte ich immer wieder darüber nach und war begierig, den Meister zu treffen.

In der Nacht vor meiner Ankunft in Drowolung träumte Meister Marpa von Naropa, wie er Abhisheka für ihn durchführte. Naropa brachte ihm eine Jadevajra mit etwas Schmutz an der Spitze sowie eine goldene Flasche mit süßem Tau und sagte: ‚Bitte reinige die Vajra mit dem Tau und hänge sie hoch oben an dieses große Gebäude. Dies wird die Buddhas glücklich machen und die Lebewesen dieser Welt begünstigen. Wenn du das tust, wirst du zwei Dinge erreichen.‘ Mit diesen Worten ging er fort. Den Anweisungen folgend reinigte Marpa die Vajra mit dem Tau und hängte sie hoch oben auf. Die Varja strahlte plötzlich Licht aus und erhellte die dreitausend Welten. Das Licht schien auf die Lebewesen innerhalb der Sechs Wege (Reinkarnation) und entfernte all ihren Schmerz und ihre Traurigkeit. Mit großer Freude fielen alle Lebewesen vor Marpa und dem Gebäude auf die Knie. Unzählige Buddhas, so zahlreich wie die Sandkörner im Fluss Ganges, gaben ebenfalls ihren Segen.

Marpa erwachte am Morgen und sein Herz war voller Glück. Als er über den Traum nachdachte, kam seine Frau herbeigeeilt und sagte: ‚Meister, ich hatte letzte Nacht einen Traum. Zwei wunderschöne junge Damen aus Oddiyana (ein Ort in Indien, wo der Vajrayana Buddhismus oder das Geheime Mantra entwickelt wurden) brachten mir eine Jade-Pagode mit etwas Schmutz darauf. Sie sagten, es sei eine Anweisung von Naropa, für die Pagode Licht zu öffnen und es auf den Gipfel des Berges zu stellen. Ihr habt es mit dem Tau gesäubert und es auf die Bergspitze getan. Die Pagode strahlte plötzlich helles Licht aus und unzählige kleinere Pagoden sind entstanden. Könntet Ihr mir sagen, was dieser Traum bedeutet?‘ Als der Meister das hörte, wusste er, dass der Traum vollkommen mit seinem Traum übereinstimmte, und er war sehr glücklich. Aber er unterdrückte seine Freude und sagte ernsthaft: ‚Ein Traum ist ein Traum und keine Realität. Ich weiß nicht, was er bedeutet.‘ Er fuhr fort: ‚Ich muss heute das Feld pflügen gehen. Kannst du die Vorbereitungen treffen?‘ Seine Frau sagte: ‚Wenn ein angesehener Meister wie Ihr eine solche Arbeit tut, werden uns die Leute auslachen. Bitte geht nicht.‘ Aber der Meister hörte nicht darauf und sagte: ‚Bitte bring mir einen Krug Wein. Ich muss heute einen jungen Gast willkommen heißen.‘ Dann ging er mit dem Wein und den Werkzeugen auf das Feld.

Als er auf dem Feld angekommen war, stellte Marpa die Flasche auf den Boden und bedeckte sie mit einem Hut. Er pflügte eine Weile das Feld und setzte sich dann hin, um eine Pause zu machen und etwas zu trinken. 

Damals hatte ich fast die Grenze von Lhodrak erreicht und fragte nach dem Weg, um den Meister Marpa zu treffen, den König der Übersetzungen. Zu meiner Überraschung hatte niemand zuvor von ihm gehört. An einer Kreuzung, von der ich Lhodrak sehen konnte, fragte ich wieder jemanden. Er antwortete: ‚Ich kenne jemanden mit Namen Marpa, aber ich habe keine Ahnung von einem König der Übersetzungen.‘ ‚Kannst du mir sagen, wo Lhodrak ist?‘, fragte ich. ‚Dort drüben! Nicht weit von hier‘, antwortete er und zeigte auf das Tal vor uns. ‚Wer lebt dort?‘, fragte ich. ‚Marpa‘, antwortete er. ‚Hat er noch andere Namen?‘, wollte ich wissen. ‚Manche nennen ihn Marpa und manche nennen ihn Meister Marpa‘, antwortete er. So wusste ich, dass das der Meister war, nach dem ich mich so begierig erkundigt hatte.

Dann fragte ich: ‚Wie ist der Name dieses Berghangs?‘ – ‚Dieser Ort wird Hang der Dharma-Verbreitung genannt‘, war die Antwort. Als ich daran dachte, dass ich den Wohnsitz des Meisters am Hang der Verbreitung des Dharmas sehen würde, freute ich mich sehr über diese Schicksalsverbindung. Ich ging weiter und fragte nochmals nach dem Weg. Nach einer Weile kam ich an einer Gruppe von Schafhirten vorbei und fragte wieder. Ein alter Mann meinte, dass er es nicht wisse, aber ein gut gekleidetes liebenswürdiges Kind antwortete redegewandt: ‚Ich glaube, du sprichst von meinem Vater. Er hat alle unsere Besitztümer im Tausch gegen Gold verkauft und hat es mit nach Indien genommen. Er hat viele Schriften zurückgebracht. Er hatte noch nie zuvor auf den Feldern gearbeitet, aber heute ging er irgendwie dorthin.‘ – ‚Das muss der Meister sein‘, dachte ich. Gleichzeitig fragte ich mich, warum der großartige Meisterübersetzer auf das Feld ging, um zu arbeiten. Während ich weiterging, dachte ich darüber nach. Plötzlich sah ich einen großen, kräftigen Lama mit großen hellen Augen, der das Feld am Straßenrand pflügte. Mein Herz war mit einer unbeschreiblichen Freude erfüllt, als ich ihn sah. Ich war so glücklich, dass ich meine Umgebung vergaß. Nach einer Weile kam ich wieder zu Sinnen. Ich ging zu ihm hin und fragte: ‚Lebt der Schüler des großen indischen Meisters Naropa, Marpa der Meisterübersetzer, hier?‘

Der Lama sah mich lange Zeit sorgfältig von Kopf bis Fuß an und sagte: ‚Wer bist du? Warum suchst du nach ihm?‘

Ich antwortete: ‚Ich bin aus dem Hinterland Tibets und habe große Sünden begangen. Marpa ist wohlbekannt und ich kam hierher, um das Dharma von ihm zu erlernen.‘

Der Lama sagte: ‚Ich werde dich in Kürze zu ihm bringen. Bitte übernimm für mich und pflüge das Feld.‘

Mit diesen Worten nahm er den Hut ab, griff nach der Flasche am Boden und nahm einen Schluck Wein. Er schien es wirklich zu genießen. Dann stellte er die Flasche hin und ging weg.

Nachdem er weggegangen war, nahm ich die Flasche und leerte sie mit einem Zug. Dann begann ich das Feld zu pflügen. Nach einer Weile kam das liebenswürdige Kind, das bei den Hirten gewesen war, und sagte zu mir: ‚Hey! Der Meister bittet dich hereinzukommen.‘ Ich antwortete: ‚Lass mich erst dieses Feld fertig pflügen. Jemand wollte eine Nachricht an den Meister für mich senden, also muss ich für ihn das Feld fertig pflügen. Könntest du den Meister wissen lassen, dass ich bald kommen werde?‘ Dann arbeitete ich weiter, bis das Feld gepflügt war. Später wurde dieses Feld bekannt als vorherbestimmte Zugehörigkeit.

Nachdem ich das Feld fertig gepflügt hatte, nahm mich der Knabe mit, um den Meister zu sehen. Ich sah den stämmigen, starken Lama in einem Sessel auf drei Lagen Kissen sitzen. Der Sessel war mit dekorativen Formen von Taurus und Garuda graviert. Es sah so aus, als ob er gerade erst das Gesicht gewaschen hatte, aber ich konnte immer noch etwas Staub an seinen Augenbrauen sehen. Sein fetter Körper saß genauso da wie ein dicker Klumpen und sein fetter Bauch stand hervor. Da ich dachte, dass das der Mann war, den ich pflügend auf dem Feld getroffen hatte, schaute ich mich nach Marpa um. Der Meister lächelte mich an und sagte: ‚Dieser junge Bursche erkennt mich wirklich nicht. Ich bin Marpa. Ich schlage vor, du machst Kotau.‘

Gehorsam warf ich mich in Ehrerbietung vor ihm nieder und sagte: ‚Ich bin aus Tsang und habe große Sünden begangen. Ich bin willens, meinen Körper, meine Sprache und meinen Geist dem Meister zu widmen. Ich hoffe, der Meister kann mir Essen, Kleidung und das aufrichtige Dharma anbieten. Zudem haben Sie bitte Gnade und gewähren mir die Kultivierungspraktik, um die Buddhaschaft in diesem Leben zu erlangen.‘

Der Meister antwortete: ‚Du hast große Sünden begangen. Das ist dein Problem, das geht mich nichts an. Zudem habe ich dir nicht gesagt, dass du dieses Karma erzeugen sollst. Also, was für schlechte Taten hast du genau begangen?‘

Dann erzählte ich ihm, was in der Vergangenheit geschehen war.

Der Meister sagte: ‚Oh, ich verstehe. Deinen Körper, Sprache und Geist deinem Meister zu widmen, ist etwas, was du tun solltest. Aber ich kann dir kein Essen und keine Kleidung anbieten, während ich dich das Dharma lehre. Ich kann dir Essen und Kleidung bereitstellen, wenn du das Dharma woanders lernst, oder ich kann dich das Dharma lehren, während du Essen und Kleidung woanders suchen musst. Du kannst eines der beiden auswählen. Denk darüber nach und triff deine Wahl. Auch wenn ich dich das Dharma lehre, wirst du in diesem Leben vielleicht keine Buddhaschaft erlangen. Das hängt vollkommen von deinem Fleiß ab.‘ 

Ich antwortete: ‚Ich bin gekommen, um das Dharma zu lernen. Ich werde herausfinden, wo ich Kleidung und Essen erhalten kann.‘ Dann nahm ich ein Schriftenbuch hervor und ging zu der Kapelle. Der Meister sah das und sagte: ‚Bitte nimm dein Buch nicht mit hinein. Wenn der göttliche Wächter hier die schlechten Botschaften aus deinem bösen Buch riecht, wird er womöglich niesen.‘ Ich war erstaunt und dachte: ‚Der Meister weiß wahrscheinlich schon, dass mein Buch Methoden für Beschwörungen und Bestrafungszaubersprüche enthält.‘

Der Meister gab mir einen Raum, wo ich bleiben konnte. Dort wohnte ich vier bis fünf Tage und fertigte in dieser Zeit eine Ledertasche an. Die Frau des Meisters gab mir jede Menge köstliches Essen und behandelte mich gut.

Um Gaben für den Meister zu finden, ging ich in Lhodrak betteln. Von den 21 Litern Weizen, die ich erhielt, nahm ich 14, um eine große rechteckige Kupferlampe ohne Schaden oder Rost zu kaufen. Ich tauschte einen Liter Weizen gegen Fleisch und Wein und legte den restlichen Weizen in die Ledertasche, die ich angefertigt hatte. Ich legte die Kupferlampe oben auf die Ledertasche und trug sie den ganzen Weg zurück. Als ich beim Wohnsitz des Meisters ankam, war ich vollkommen erschöpft. Ich nahm den Sack vom Rücken und er fiel mit einem Plumps auf den Boden. Da der Weizensack schwer war, gab es eine leichte Erschütterung auf dem Boden, die durch das ganze Haus zog. Der Meister nahm gerade eine Mahlzeit zu sich und kam hinaus, um nachzusehen. Als er mich sah, sagte er: ‚Es scheint, du bist ein starker Mann. Hej, willst du das Haus zum Einsturz bringen und mich vernichten? Du bist so dumm. Geh und bring es raus!‘ Mit diesen Worten begann er mich zu treten. Ich hatte keine andere Wahl, als den Weizen nach draußen zu tragen. Dabei dachte ich: ‚Dieser Meister hat schlechte Laune, ich muss ihm sehr sorgfältig dienen.‘ Aber in meinem Herzen war ich überhaupt nicht unzufrieden und hatte keine negativen Gedanken.

Ich warf mich in Ehrerbietung von ihm nieder und gab ihm die große Kupferlampe. Er hielt sie, schloss seine Augen und dachte eine Weile nach. Er war sehr glücklich und bewegt. Tränen traten aus seinen Augen. Er sagte: ‚Das ist eine gute karmische Verbindung. Diese Lampe ist für den indischen Meister Naropa.‘ Nachdem er das Mudra zur Verehrung durchgeführt hatte, klopfte er mit einem Stock gegen die Lampe, die einen sonoren Ton von sich gab. Er brachte die Lampe in die Kapelle, füllte sie mit Butter, legte einen Docht hinein und zündete sie an.

Bestrebt, das Dharma zu lernen, ging ich zum Meister und bat: ‚Könntet Ihr mir das Dharma und die Verse lehren?‘

Der Meister sagte: ‚Viele Menschen sind aus Ü-Tsang gekommen, um das Dharma von mir zu lernen. Aber die Menschen aus Yamdrok Taklung und Ling attackieren sie oft, so dass sie mir kein Essen oder Opfergaben bringen können. Ich will nun, dass du Hagel heraufbeschwörst. Ich werde dich lehren, wenn du erfolgreich bist.‘

Um das Dharma zu suchen, beschwörte ich nochmals einen Hagel herauf und es war erfolgreich. Ich ging zurück zum Meister und bat um Unterricht. Er sagte: ‚Du hast nur zwei oder drei Hagelstücke geschickt, und du willst das aufrichtige Dharma erhalten, das ich nach so vielen Leiden aus Indien erhalten habe? Lass dir eins gesagt sein: Die Menschen in Lhodrak schlugen meine Schüler und arbeiteten gegen mich. Wenn deine Beschwörung wirklich erfolgreich ist, solltest du einen Fluch gegen sie aussprechen. Wenn du erfolgreich bist, werde ich dich lehren, wie du in diesem Leben die Buddhaschaft erreichen kannst.‘ Da ich keine andere Wahl hatte, sprach ich einen Zauberspruch aus. Kurz danach brach ein interner Zwist aus in Lhodrak und viele Menschen wurden getötet. Darunter waren alle diejenigen, die gegen uns waren. Als der Meister sah, dass meine Beschwörung funktionierte, sagte er: ‚Ich habe gehört, dass deine Beschwörungen sehr stark sind. Das scheint wahr zu sein.‘ Von da an nannte er mich „Starker Mann“.

Noch einmal bat ich den Meister, mich das Dharma zu lehren. Zu meiner Überraschung lachte er heftig: ‚Ha ha ha! Nachdem du diese schwerwiegenden Missetaten begangen hast, willst du das Dharma von mir erlernen? Ich habe mein Leben aufs Spiel gesetzt, um nach Indien zu reisen, und gab einem Meister Gold als Opfergabe, um es zu erhalten. Wie könntest du es so leicht erhalten? Sogar wenn du es im Scherz sagen würdest, wäre es ein wenig zu viel. Zudem bist du gut darin, Beschwörungen zu benutzen. Wenn ich es nicht wäre, sondern jemand anders, hättest du ihn wahrscheinlich schon umgebracht. Nun gut, wenn du den Schaden in Yamdrok Taklung wiedergutmachen und diejenigen, die in Lhodrak gestorben sind, wieder zum Leben erwecken kannst, werde ich dich das Dharma lehren. Ansonsten brauchst du nicht hierzubleiben.‘ Da er mich so heftig beschimpfte, war ich zutiefst enttäuscht und jammerte. Seine Frau hatte Mitleid mit mir und kam, um mich zu trösten.

Am nächsten Morgen kam der Meister zu mir: ‚Meine Worte gestern waren zu hart. Bitte reg’ dich nicht auf. Du bist stark und ich hoffe, dass du ein Lagerhaus für meine Schriften bauen kannst. Wenn es fertig ist, werde ich dich das Dharma lehren. Ich werde dir auch Essen und Kleidung geben.‘

Ich sagte: ‚Was, wenn ich während des Hausbaus sterbe, bevor ich das Dharma lernen kann?‘

‚Ich garantiere dir, dass du in dieser Zeit nicht sterben wirst. Man braucht Mut, um das Dharma zu lernen. Ob du die Buddhaschaft erreichen kannst, hängt vollkommen davon ab, wie hingebungsvoll du bist. Im Gegensatz zu anderen Sekten hat meine eine unvergleichbare Fähigkeit der Stärkung‘, sagte der Meister freundlich und gütig.

Das machte mich sehr glücklich. Als ich um den Bauplan bat, antwortete er: ‚Dieses Haus wird auf einem Hügel gebaut werden, der schwer zugänglich ist. Die einheimischen Klans hatten früher eine Vereinbarung getroffen, die den Bau an diesem Ort verbot. Glücklicherweise habe ich jenen Vertrag nicht unterzeichnet, so ist er für mich nicht bindend. Ich erwäge, ein Rundhaus am östlichen Hang zu bauen. Du kannst das auch dazu benutzen, dein Karma zu beseitigen.‘

So folgte ich seinem Befehl und begann das Haus zu bauen. Etwa zur Hälfte der Bauzeit kam der Meister und sagte: ‚Ich habe damals nicht gut geplant. Dieser Ort ist nicht gut. Transportiere die Steine und das andere Material wieder dorthin zurück, wo sie waren.‘ So musste ich die Steine und das Bauholz einzeln zurück zum Fuße des Hügels tragen. Danach nahm der Meister mich mit zur Westseite des Hügels. Er zog seinen halbkreisförmigen Mantel aus, faltete ihn in mehrere Schichten und legte ihn auf den Boden. Er sagte: ‚Bau ein solches Haus.‘ Diesmal war es noch mühsamer. Ich baute es ganz alleine, was bedeutete, dass ich jedes Teil über mehrere Meilen vom Fuß des Hügels bis zur Spitze des Hügels tragen musste. Es war jämmerlich. Als es halb fertig war, kam der Meister wieder und sagte: ‚Das sieht nicht richtig aus. Bitte nimm es auseinander und bringe die Steine und das Bauholz dorthin zurück, wo es hergekommen ist.‘ Ich musste gehorchen und das Haus Stück für Stück abreißen.

Danach nahm mich der Meister mit zum Nordhang und sagte: ‚Starker Mann, ich war in den letzten Tagen betrunken. Nun baue hier ein gutes Haus!‘

Ich sagte: ‚Wenn ich es aufbauen und wieder abbauen müsste, würde ich vergeblich leiden und Ihr würdet auch Geld verschwenden. Bitte denkt dieses Mal gründlich darüber nach.‘

‚Heute habe ich nicht getrunken und ich habe es gut geplant. Ein Haus eines wahren Praktizierenden sollte dreieckig sein. Bitte baue es und ich werde dich definitiv nicht bitten, es wieder zu zerstören.‘ Also begann ich, dieses dreieckige Haus zu bauen. Als ein Drittel des Hauses vollendet war, kam der Meister und fragte: ‚Starker Mann! Das Haus, das du baust – wer hat dir gesagt, dass du es bauen sollst?‘

Ich wurde ungeduldig und antwortete sofort: ‚Dies war ein persönlicher Befehl von Euch, Meister!‘

Er kratzte sich am Kopf und sagte: ‚Hm, warum kann ich mich nicht daran erinnern? Wenn das wahr ist, war ich dann nicht verrückt?‘

‚Damals habe ich schon gewusst, dass das passieren könnte, darum habe ich Euch gebeten, es sich gründlich zu überlegen, Meister. Ihr sagtet, dass Ihr es gut geplant hättet und es definitiv nicht zerstören würdet. Daran müsst Ihr Euch doch erinnern!‘, antwortete ich beklommen.

‚Hm! Gab es irgendwelche Zeugen? An diesem Ort mit einem schlechten Fengshui ein dreieckiges Haus zu bauen, ist, wie einen Altar für Beschwörungen zu bauen! Willst du mich umbringen? Ich habe dir weder dein Eigentum gestohlen noch das Vermögen deines Vaters. Wenn du nicht vorhast, mich zu töten, und ernsthaft das Dharma lernen willst, dann solltest du auf mich hören: Reiß dieses Haus ab und bringe alle Materialien wieder den Hügel hinunter!‘

Ich hatte eine lange Zeit Steine geschleppt und Schwerstarbeit verrichtet. Jedes Mal war ich beflissen, das Haus schnell fertig zu bauen, damit ich das Dharma lernen konnte. Ich arbeitete sehr schwer. Zu jener Zeit war das Fleisch auf meinem Rücken aufgerieben und wies schon mehrere Vertiefungen auf. Diese bildeten Narben, aber die Narben wurden wieder aufgerieben. Dann bildeten sich wieder neue Narben – es war sehr schmerzhaft. Ich dachte daran, es dem Meister zu zeigen, aber ich wusste auch, dass es nicht gut enden und es zu weiteren Beschimpfungen und Schlägen führen würde. Wenn ich seiner Frau davon erzählen würde, sähe es so aus, als würde ich mich beschweren. Also erzählte ich auch ihr nichts davon. Dennoch bat ich sie, mir zu helfen, den Meister um das Dharma zu bitten. Sie ging sofort zu ihm und sagte: ‚Ein Haus auf diese Weise zu bauen, ist bedeutungslos. Ich weiß nicht, warum Ihr das tun wollt. Der arme Starke Mann ist so bedauernswert und hat so viel gelitten. Bitte lehrt ihn etwas.‘

Meister Marpa sagte zu ihr: ‚Geh und koche ein gutes Gericht für mich. Dann sag‘ dem Starken Mann, er soll hierher kommen!‘ Seine Frau bereitete das Essen zu und wir gingen gemeinsam zum Meister. Der Meister sagte: ‚Das heutige Ich ist anders als das gestrige Ich. Sei nicht beunruhigt. Wenn du das Dharma lernen willst, werde ich es dich lehren!‘ Dann lehrte er mich Dinge des gewöhnlichen Exotherischen Buddhismus (im Gegensatz zu dem Esotherischen Buddhismus oder dem Vajrayana Buddhismus) sowie die Drei Zufluchte und Fünf Regeln. Dann sagte er zu mir: ‚Dies sind grundlegende Rituale. Um geheime und einmalige Verse zu erhalten, muss man dieses und jenes tun.‘ Dann erzählte er mir vom Leben und den Leiden des indischen Meisters Naropa. Er sagte: ‚Eine solche Bitternis kannst du womöglich nicht ertragen.‘ Als ich von Meister Naropas Reise hörte, war ich zu Tränen gerührt und wurde sehr entschlossen. In meinem Herzen versprach ich: ‚Ich werde auf jedes Wort des Meisters hören und jede Schwierigkeit überwinden.‘

Nach ein paar Tagen gingen der Meister und ich zusammen spazieren. Als wir an den Ort kamen, an dem die örtlichen Klans verboten hatten, etwas zu bauen, sagte der Meister: ‚Baue hier für mich einen neunstöckigen rechteckigen Turm. Füge einen Lagerraum zuoberst hinzu, sodass es insgesamt zehn Stockwerke sind. Ich werde es mit Sicherheit nicht zerstören. Wenn es fertig ist, werde ich dich das Dharma und die Verse lehren. Ich werde dir auch Proviant und Essen für das Lernen des Dharma geben.‘

Ich dachte eine Weile darüber nach und sagte: ‚Wenn es so ist, möchte ich die Frau des Meisters als Zeugin einladen. Geht das?‘

Der Meister stimmte zu: ‚Gut!‘

Der Meister zeichnete eine Skizze des Turmes und lud seine Frau ein zu kommen. Nachdem ich mich dreimal in Ehrerbietung vor ihnen niedergeworfen hatte, sagte ich: ‚Der Meister hat mir befohlen, ein Haus zu erbauen. Ich habe dreimal damit angefangen und habe es dreimal abgerissen. Beim ersten Mal sagte der Meister, dass er es nicht gut durchdacht habe. Beim zweiten Mal sagte der Meister, er sei betrunken gewesen und habe einen schlechten Plan gehabt. Beim dritten Mal sagte der Meister, dass er verrückt gewesen sein müsse, als er mich anwies, dort ein dreieckiges Haus zu bauen. Nachdem ich es erklärt hatte, sagte der Meister, dass es keinen Zeugen gebe, und beschimpfte mich. Heute hoffe ich, dass die Frau des Meisters Zeugin sein kann für dieses vierte Mal. Können Sie das tun?‘

Die Frau des Meisters sagte: ‚Ich werde ganz sicher deine Zeugin sein. Meister, ich kann eine Zeugin sein, aber dieser Bauplan ist eine große Herausforderung. Der Hügel ist so hoch und er muss jeden Stein und jeden Balken vom Fuß des Hügels allein hochtragen. Wer weiß, wie lange das dauern wird! Außerdem brauchen wir hier kein Haus zu bauen, und es war auch nicht nötig, die anderen zu zerstören. Das ist nicht unser Ort und außerdem haben die lokalen Klans den Bau offiziell verboten. Ich fürchte, das wird später zu Problemen führen.‘

Ich sagte: ‚Aber ich befürchte, dass der Meister nicht auf Sie hören wird.‘

Der Meister sagte zu seiner Frau: ‚Wenn du willst, kannst du Zeuge sein. Red’ nicht so viel!‘

Also begann ich, diesen rechteckigen Turm zu bauen. Als ich das Fundament legte, kamen die drei Hauptschüler des Meisters – Ngokton Chodor, Tsurton Wange und Meton Tsonpo – um zu spielen und sie trugen viele große Steine für mich. Ich verwendete diese Steine als Teil des Fundaments. Nachdem ich das zweite Stockwerk fertig gebaut hatte, kam der Meister und schaute sich alles genau an. Er zeigte auf die Steine, die die anderen Schüler getragen hatten, und fragte: ‚Wo kommen diese Steine her?‘

‚Diese … diese waren von Ngokton, Wange und anderen. Sie halfen mir, sie hierher zu tragen.‘

Der Meister sagte: ‚Du kannst nicht einen Turm mit ihren Steinen bauen. Schnell, nimm es auseinander und bring diese Steine weg!‘

‚Aber Ihr habt schon versprochen, dieses Gebäude nicht zu zerstören!‘

‚Ja, das habe ich gesagt. Aber diese Schüler von mir sind Yogis von hoher Ebene, und ich kann es nicht zulassen, dass sie deine Diener sind. Außerdem habe ich dich nicht gebeten, alles zu zerstören. Nimm nur jene Steine weg, die sie getragen haben.‘

Ich war hilflos und musste den Turm von oben abbauen bis zum Fundament und diese Steine zurück zum Fuß des Hügels tragen. Dann kam der Meister und sagte: ‚Jetzt kannst du sie wieder hoch tragen und sie für das Fundament benutzen.‘

Ich fragte: ‚Ich dachte, Ihr würdet diese Steine nicht wollen?‘

Der Meister sagte: ‚Es ist nicht so, dass ich diese Steine nicht benutzen will. Du musst sie nur selbst tragen, anstatt andere auszunutzen.‘

Diese Steine wurden zuvor von drei Personen getragen. Jetzt musste ich sie alle selbst schleppen, das kostete sehr viel Zeit und Mühe. Später nannten die Menschen diese Steine „Starker-Mann-Steine“.

Als das Fundament auf dem Gipfel des Hügels errichtet war, begannen die örtlichen Klanmitglieder untereinander darüber zu reden. Einer von ihnen sagte: ‚Marpa baut einen Turm an der verbotenen Stelle. Wir sollten ihn stoppen!‘ Ein anderer fügte hinzu: ‚Marpa ist verrückt. Er hat irgendwie einen sehr starken jungen Mann gefunden. Wo immer es einen hohen Hügel gibt, ließ er ihn dort ein Haus bauen. Wenn das Haus halb fertig war, sagte er dem jungen Mann, er solle es abreißen und die Steine und das Bauholz zurückbringen. Er könnte auch diesen Turm zerstören lassen. Wenn nicht, gehen wir hin und stoppen ihn. Lasst uns abwarten und sehen, was passiert.‘

Aber der Meister sagte mir diesmal nicht, ich solle das Gebäude abreißen, also fuhr ich mit dem Bau fort. Als ich beim siebten Stockwerk angelangt war, bildete sich eine weitere große Furche auf meinem unteren Rücken.

Die örtlichen Klans trafen sich und diskutierten wieder. ‚Hm, es scheint, dass Marpa diesmal nicht aufhören wird. Nach all den zerstörten Bauten sieht es so aus, dass er von Anfang an das Ziel hatte, hier einen Turm zu bauen. Dieses Mal werden wir ihn niederreißen!‘ So ließen sie viele Menschen um den Turm herum zusammenkommen. Sie wussten nicht, dass der Meister sich selbst in Soldaten verwandelt hatte, die innerhalb und außerhalb des Turms Stellung bezogen hatten. Der Anblick überwältigte die Klanmitglieder. Anstatt anzugreifen, warfen sie sich vor dem Meister nieder und baten um Vergebung. Sie alle wurden später Almosenspender.

Zu jener Zeit erbat Meton Tsonpo Tsangrong von Cakrasamvara (eine der Gottheiten des höchsten Vajrayana) um Abhisheka. Die Frau des Meisters sagte zu mir: ‚Ganz egal was, du solltest diesmal Abhisheka erhalten.‘ Ich dachte auch: ‚Ich habe so viel Mühe in den Bau von Häusern gesteckt. Niemand hat mir geholfen, auch nur einen Stein, einen Eimer Wasser oder einen Klumpen Erde zu tragen. Der Meister wird diesmal ganz sicher Abhisheka für mich durchführen.‘

Während der Abhisheka-Zeremonie warf ich mich dem Meister zu Füßen und setzte mich dann auf einen Platz für die Empfänger. Der Meister fragte: ‚Starker Mann, wo sind deine Opfergaben für Abhisheka?‘

‚Der Meister sagte, dass ich nach der Fertigstellung des Turms Abhisheka und die Verse erhalten würde. So wagte ich es, mich dort hinzusetzen‘, antwortete ich.

Der Meister sagte: ‚Du hast nur einige Tage damit verbracht, ein Haus zu bauen. Das reicht nicht aus, um Abhisheka und die Verse zu erhalten, die ich durch große Mühsal aus Indien erhielt. Wenn du Opfergaben hast, bring sie bitte hierher; andernfalls verlass den Abhisheka-Platz!“ Mit diesen Worten schlug er mir zweimal ins Gesicht. Er zerrte mich an den Haaren zur Tür und rief wütend: ‚Verschwinde von hier!‘

Die Frau des Meister sah das und kam, um mich zu trösten: ‚Der Meister hat oft gesagt, dass das Dharma, das er aus Indien erhielt, für alle Lebewesen sei. Normalerweise bietet er selbst einem Hund, der an ihm vorbeigeht, die Lehre und Segen an. Aber mit dir ist er immer unzufrieden. Ich weiß nicht warum. Aber bitte fang nicht an, schlechte Gedanken zu haben!‘

Mein Herz war erfüllt von Groll, Schwermut und Verzweiflung. Unter starken Schmerz dachte ich in jener Nacht immer wieder an Selbstmord.

Am nächsten Morgen kam der Meister zu mir und sagte: ‚Starker Mann, du kannst vorerst aufhören, an dem Turm zu bauen. Bitte hilf mir, ein Schloss mit zwölf Säulen zu bauen. Ich benötige auch ein Heiligtum direkt daneben. Wenn es beendet ist, werde ich Abhisheka für dich durchführen und dich das Dharma lehren.‘ So begann ich, das Schloss von Grund auf zu bauen. Die Frau des Meisters brachte mir oft gutes Essen und Wein. Außerdem tröstete sie mich von Zeit zu Zeit gütig.

Als das Schloss fast fertiggestellt war, kam Tsurton Wange, um von Guhyasamaja (eine der Gottheiten des höchsten Vajrayana) das große Abisheka zu erbitten.

Die Frau des Meisters sagte zu mir: ‚Du musst diesmal in jedem Fall Abhisheka empfangen!‘ Sie gab mir einen Sack Butter, einen Ballen Wolle und eine kleine Kupferpfanne als Opfergabe. Ich war sehr glücklich und nahm alles mit in die Kapelle zu dem Platz, um Abhisheka zu erhalten.

Der Meister sah mich an und sagte: ‚Du bist wieder hier? Hast du Opfergaben für Abhisheka?‘ Ich antwortete ruhig und zuversichtlich: ‚Diese Butter, diese Wolle und diese Kupferpfanne sind die Gaben für den Meister.‘

‚Ha ha ha! Was für eine kluge Idee! Diese Butter kam von Almosengeber soundso, die Wolle kam von Almosengeber soundso und die Kupferpfanne kam von Almosengeber soundso. Es ist eine schlaue Idee, meine Sachen als Opfergaben für mich zu verwenden. Aber so etwas gibt es auf dieser Welt nicht. Wenn du deine eigenen Opfergaben hast, gib sie mir; ansonsten kannst du nicht hier sitzen!‘ Dann stand er auf, beschimpfte mich heftig und warf mich aus der Kapelle hinaus. Ich wäre am liebsten im Erdboden versunken. Ich dachte lange darüber nach: ‚Ist das Vergeltung dafür, weil ich so viele Menschen mit den Beschwörungen getötet und mit dem Hagel so enorme Schäden angerichtet habe? Oder weiß der Meister, dass ich nicht gut genug bin, um das Dharma zu erhalten? Oder ist der Meister nicht barmherzig genug, um mich das Dharma zu lehren? Egal was, mit so einem unnützen, sündigen menschlichen Körper, der das Dharma nicht erhalten kann, möchte ich lieber sterben. Wie wäre es, wenn ich mich einfach umbringe?‘

Gerade als ich verwirrt und ratlos war, kam die Frau des Meisters mit etwas Essen, das sie für die Anbetung verwendet hatte, und tröstete mich lange Zeit.

Der Schmerz und die Verzweiflung ließen mich nichts essen und ich weinte die ganze Nacht lang. Der Meister kam am nächsten Tag und sagte: ‚Geh und vollende den Turm und das Schloss. Wenn sie fertig sind, werde ich dich das Dharma und die Verse lehren.‘

Schließlich vollendete ich das Schloss und litt furchtbar dabei. Zu jener Zeit war mein Rücken so abgenutzt, dass sich eine weitere tiefe Furche gebildet hatte. Die Wunde war zu einem Drittel mit Eiter gefüllt. Das verfaulte Fleisch vermischte sich mit Eiter und Blut wie ein Haufen verrotteter Dreck.

Ich ging zur Frau des Meisters und bat: ‚Das Schloss ist nun fertig. Ich fürchte, der Meister wird wieder vergessen, dass er mir versprochen hat, mir das Dharma beizubringen. Könnten Sie mir helfen, ihn danach zu fragen?‘ Da das Geschwür auf meinem Rücken so stark schmerzte, konnte ich meine Schmerzen nicht verbergen. ‚Starker Mann, was ist geschehen? Bist du krank?‘, fragte sie mich entsetzt. Ich zog mein Hemd aus und zeigte ihr meinen Rücken. Sie warf einen Blick darauf und sagte mit Tränen in den Augen: ‚Ich gehe jetzt und sage es dem Meister!‘ Sie eilte zu ihm und sagte: ‚Meister, der Starke Mann hat schon seit langem Häuser gebaut. Darum sind seine Hände und seine Füße verletzt, seine Haut ist aufgebrochen. Es gibt drei große Eitergeschwüre auf seinem Rücken, die sich in drei tiefen Furchen ausgebreitet haben. In einer von diesen gibt es an drei Stellen Eiter und Blut. In der Vergangenheit haben wir nur davon gehört, dass eine zu große Last über eine lange Zeit bei Maultieren oder Pferden zu Eiterherden führen kann. Ich habe noch nie zuvor gehört, dass ein Mensch solche Eiterherde auf dem Rücken haben kann, geschweige denn, sie selbst zu sehen! Wenn andere Menschen davon hören oder das sehen, werden sie uns nicht verhöhnen? Der Starke Mann kam zu uns, weil Sie ein großer Lama sind. Habt Ihr ihm nicht gesagt, dass Ihr ihn das Dharma lehren werden, wenn er den Turm fertig gebaut hat? Er ist so bedauernswert. Bitte lehrt ihn das Dharma.‘ Der Meister sagte: ‚Ja das habe ich schon einmal gesagt. Aber was ich sagte, war ein zehnstöckiger Turm. Nun, wo ist er denn?‘

‚Ist das Schloss nicht noch höher als der Turm?‘

‚Rede nicht so viel! Ich werde ihn das Dharma lehren, nachdem der zehnstöckige Turm gebaut ist!‘ Der Meister rügte seine Frau. Dann erinnerte er sich an die Geschwüre auf meinem Rücken: „Hey, was hast du gesagt? Hat der Starke Mann Geschwüre auf dem Rücken?‘

‚Sie sind überall auf seinem Rücken verteilt. Geht und seht selbst. Eiter und Blut – alles vermischt. Es ist fürchterlich. Niemand kann es ertragen, sich das anzusehen. Ach, er ist so bemitleidenswert!‘, sagte die Frau des Meisters.

Der Meister kam zur Treppe und rief: ‚Starker Mann, komm herauf!‘

Ich dachte mir: ‚Nun das ist gut. Der Meister muss vorhaben, mich jetzt das Dharma zu lehren.‘ Ich rannte hinauf und nahm zwei bis drei Stufen auf einmal. Der Meister sagte: ‚Starker Mann, zeig mir die Geschwüre auf deinem Rücken!‘ Ich zeigte sie ihm und er schaute sie sich sorgsam an. Dann sagte er zu mir: ‚Der indische Meister Naropa hat zwölf große asketische Praktiken und zwölf kleine asketische Praktiken ausgehalten. Diese waren viel schlimmer als das, was du hast. Er erlitt alle 24 asketische Praktiken. Auch ich habe mein Leben geopfert und meine Besitztümer aufgegeben, um ihm zu dienen. Wenn du wirklich das Dharma suchst, hör auf etwas vorzutäuschen und baue den Turm fertig!‘

Ich senkte den Kopf und dachte darüber nach. Was er sagte, machte Sinn.

Der Meister brachte dann mehrere Taschen an meiner Kleidung an und sagte: ‚Wenn Pferde und Maulesel Rückengeschwüre bekommen, tragen sie die Waren mit Taschen. Nun habe ich mehrere Taschen für dich gemacht, damit du Erde und Steine tragen kannst.‘

Ich fragte neugierig: ‚Ich habe Geschwüre auf dem Rücken. Wie können diese Taschen helfen?‘

‚Natürlich werden sie helfen! Trage die Erde in diesen Taschen und es wird kein Schmutz in deine Rückengeschwüre gelangen‘, antwortete er. Da dies eine Anweisung des Meisters war, ertrug ich die Schmerzen und trug sieben Säcke Sand auf den Hügelgipfel.

Als er sah, dass ich jedes seiner Worte befolgte, wusste der Meister, dass ich ein echter Mann war, der entschlossen war und der ertragen konnte. Als niemand zugegen war, vergoss er viele Tränen.

Die Geschwüre vergrößerten sich von Tag zu Tag und die Schmerzen wurden unerträglich. Ich bat die Frau des Meisters: ‚Könnten Sie den Meister bitten, mich zuerst das Dharma zu lehren? Oder dass er mir zumindest erlaubt, mich von meinen Wunden für eine Weile auszuruhen?‘

Sie übermittelte meine Worte an den Meister. Die Antwort des Meisters war, dass das Dharma absolut nicht gelehrt werden würde, bis der Turm fertig sei. Wenn die Geschwüre wirklich Heilung bedürften, so könne ich für einige Tage ruhen. Die Frau des Meisters ermutigte mich auch, eine Pause zu machen und später weiterzuarbeiten.

In diesen Tagen der Genesung gab mir die Frau des Meisters eine Menge an gutem Essen und Aufbauzusätze. Sie tröstete mich auch hin und wieder, sodass ich zeitweise den Schmerz vergaß, nicht in der Lage zu sein, das Dharma zu erhalten.

Nach einer Weile, als die Geschwüre auf meinem Rücken fast verheilt waren, rief mich der Meister wieder. Anstatt mich das Dharma zu lehren, sagte er: ‚Starker Mann, baue jetzt den Turm!‘

Ich hatte bereits vorgehabt, an jenem Tag weiterzuarbeiten. Aber aus Sympathie hatte die Frau des Meisters einen Plan, um den Meister davon zu überzeugen, mich das Dharma früher zu lehren. Sie sprach mit mir unter vier Augen darüber und bat mich, das zu tun, was sie sagte. 

Nachdem ich den Meister getroffen hatte, weinte ich leise und begann, meine Sachen sowie etwas Tsampa (geröstetes Gerstenmehl, ein Grundnahrungsmittel in Tibet) einzupacken, als ob ich gleich gehen würde. An einem Ort, den der Meister sehen konnte, tat ich so, als würde ich gehen und seine Frau tat so, als ob sie mich aufhalten würde, indem sie sagte: ‚Diesmal verspreche ich, den Meister zu bitten, dich das Dharma zu lehren. Geh nicht weg! Geh nicht weg!‘ Es dauerte eine Weile, bis der Meister darauf aufmerksam wurde. Er rief seiner Frau zu: ‚Dakmema, was macht ihr beide da?‘

Als sie diese Worte hörte, dachte seine Frau, ihre Gelegenheit sei gekommen. Sie sagte: ‚Euer Schüler, der Starke Mann, ist weit gereist, um das Dharma zu lernen. Aber er hat das Dharma nicht gelehrt bekommen, sondern wurde beschimpft und verrichtet die Arbeit eines Lasttieres. Er hat Angst zu sterben, bevor er das Dharma lernen kann, also geht er zu anderen Meistern. Ich habe ihm versprochen, dass er das Dharma hier erhalten wird, aber er will trotzdem gehen.‘ Der Meister wurde sehr wütend, als er das hörte. Er hielt eine Lederpeitsche in der Hand und rannte zu mir. Während er heftig auf mich einschlug, rief er: ‚Du Abschaum! Als du hier ankamst, sagtest du, dass du deinen Körper, deine Sprache und deinen Geist mir widmen würdest. Wohin gehst du jetzt? Wenn ich will, kann ich deinen Körper, deine Sprache und deinen Geist in Stücke schneiden. Du hast sie mir gegeben, deshalb habe ich das Recht dazu. Wie auch immer, wenn du hier raus willst, kannst du einfach gehen. Warum nimmst du meinen Tsampa? Wie funktioniert das? Wirst du mir das erklären?‘ Er schlug mich schonungslos, bis ich zu Boden fiel. Dann nahm er mir das Tsampa weg.

Ich litt Höllenqualen in meinem Herzen, aber ich konnte ihm nicht sagen, dass ich den Trick mit seiner Frau geplant hatte. Ganz egal, wie sehr ich es auch versuchte, alles war nichts im Vergleich zu der Macht des Meisters. Ich hatte keine andere Wahl, als hineinzulaufen und zu weinen. Die Frau des Meisters seufzte: ‚Selbst wenn ich noch so mit ihm streite, wird er dich das Dharma trotzdem nicht lehren. Aber ich muss dir helfen, etwas zu lernen. Ich habe einen Kultivierungsweg von Vajrayogini (eine der Gottheiten im höchsten Vajrayana). Wie wäre es, wenn ich dich dieses lehren würde?‘ Daraufhin begann ich, dieses Dharma zu praktizieren. Obwohl ich nicht viel davon spürte, fühlte ich mich zumindest wohler. Ich dachte, die Frau des Meisters würde mich gut behandeln und ich müsste ihr die Gnade zurückzahlen. Ich dachte auch, dass wegen des Meisters und seiner Frau viel von meinem schlechten Karma beseitigt worden war. Also beschloss ich, dort zu bleiben.

Im Sommer half ich der Frau des Meisters, die Tiere zu melken und Gerste zu rösten. Manchmal dachte ich daran, zu einem anderen Meister zu gehen. Aber nachdem ich es mir weiter überlegt hatte, wusste ich, dass nur dieser Meister das Dharma hatte, das einem ermöglichte, in einem Leben die Buddhaschaft zu erlangen. Wenn ich in diesem Leben nicht erfolgreich sein würde, wie würde ich mich von solchem Karma befreien können? Um das Dharma zu erhalten, war ich bereit, so zu leiden wie Meister Naropa. Aber als erstes musste ich auf jeden Fall die Dinge tun, die meinen Meister zufriedenstellten, damit ich seine Verse erhalten und mich in diesem Leben erfolgreich kultivieren konnte. So beruhigte ich mich und widmete mich dem Schleppen von Steinen und Bauholz, um das Heiligtum neben dem Schloss zu bauen.

(Fortsetzung folgt)

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