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Die gewagte Flucht einer Falun-Gong-Familie aus China

Vor ein paar Tagen erhielt ich auf meinem iPhone eine Warnung, dass ein möglicher Hacker aus Kunming, in der Provinz Yunnan in China versucht hatte, auf mein Konto zuzugreifen. Mein Herz raste und ich geriet in Panik, nicht weil mein Handy voller Geheimnisse ist. Es war der Name Kunming, der mir augenblicklich ein unbehagliches Gefühl vermittelte. Und im gleichen Moment kamen die schrecklichen Erinnerungen an die Ereignisse vor fast einem Jahrzehnt hoch. Damals überquerte meine Familie auf einer gewagten Flucht die Grenze von China nach Myanmar und mir wurde gesagt, ich solle die atemberaubende chinesische Landschaft ein letztes Mal genießen.  

Meine Eltern und ich praktizieren Falun Dafa, eine alte chinesische Meditationspraktik, die in den 90er Jahren über 70 Millionen Anhänger in China anzog. Die Grundprinzipien von Falun Dafa sind Wahrhaftigkeit, Güte und Nachsicht, so dass unsere Familie immer in Harmonie lebte. 

Minghui Wang (Mitte) mit ihren Eltern bei einer Kerzenlichtwache am 20. Juli 2019 in La Jolla, Kalifornien. An diesem Tag wurde des 20-jährigen friedlichen Widerstands von Falun Gong, auch Falun Dafa genannt, gegen die Verfolgung durch das chinesische kommunistische Regime gedacht.

Minghui Wang ist Schülerin an einer San Diego High School und wird im Herbst mit dem Besuch des Colleges beginnen. Dies ist ihre Geschichte.

Die Umgebung in China war jedoch nicht so friedlich. Im Jahr 1999, dem Jahr vor meiner Geburt, wurde ein Befehl zur Auslöschung unseres aufrichtigen Glaubens erlassen, und die kommunistischen Behörden haben alle Mittel eingesetzt, um diesen Befehl auszuführen. Chinesische Medien bezeichneten Falun Dafa als „dämonisch” und die Polizei verhaftete jeden, der den Menschen die wahren Fakten erzählte. Darüber hinaus wurden unzählige Falun Dafa-Praktizierende, die sich weigerten, ihren Glauben aufzugeben, in Gefängnisse und Arbeitslager geschickt.

Die Mehrheit der Praktizierenden, einschließlich meiner Eltern, setzte sich jedoch weiterhin aktiv für Falun Dafa ein. Im Laufe der Jahre wurden sie mehrmals in Gehirnwäscheeinrichtungen festgehalten, weil sie beharrlich Falun Dafa praktizierten.

Soweit meine Kindheitserinnerungen zurückreichen, waren sie immer bitter.

Eines Tages im Jahr 2007 kam ich nach Hause und fand das Wohnzimmer in einem Chaos, mit Papieren und Büchern auf dem ganzen Boden verstreut. Ein Nachbar erzählte mir, dass mein Vater an diesem Tag in Handschellen nach Hause gebracht worden war, gefolgt von vier Offizieren, die seine Schlüssel nahmen, das Haus betraten und ohne die Zustimmung meines Vaters nach Falun Dafa-Materialien suchten und diese beschlagnahmten.

Ich hatte oft von Mitpraktizierenden in ganz China gehört, die auf mysteriöse Weise im Gefängnis gestorben waren. So verstand ich, was meinem Vater in dem Moment bevorstand. Ich war damals erst sieben Jahre alt. Während andere Mädchen in meinem Alter mit ihren Barbie-Puppen spielten, lebte ich unter ständigem Druck und machte mir jeden Tag Sorgen um das Leben meines Vaters. Aber zumindest wussten wir, wo mein Vater festgehalten wurde. In vielen Fällen wurde dies den Familien nicht mal mitgeteilt.

Nicht lange nach der Verhaftung meines Vaters begann ich ihm zu schreiben. Ich schrieb über unbeschwerte Dinge wie meine Schulausflüge und das Kochen eines gewöhnlichen Gerichts ohne Aufsicht meiner Mutter. Er schrieb prompt zurück und erzählte die interessantesten Geschichten und gab mir rücksichtsvolle Ratschläge. Dies war der einzige Weg für ihn, seine Rolle als Vater unter diesen Umständen zu erfüllen. Die Momente des Lesens der Briefe meines Vaters waren so herzerwärmend für mich. Aber ich wusste auch, dass mein Vater diese Briefe wahrscheinlich nachts nach einem langen Tag Zwangsarbeit oder während seiner „Ruhezeit” zwischen verschiedenen Arten von unmenschlichen Folterungen schrieb.

Ich hatte in der Tat Recht. Außer, dass mein Vater viel mehr ertragen hat, als ich mir je vorstellen konnte. Er erzählte uns später, dass die Gefängniswärter sehr kreativ waren, ihn zu quälen, um ihn dazu zu bringen, seinen Glauben aufzugeben. Sie benutzten viele verschiedene Arten von Folterungen, die für ihn zu schmerzhaft waren, um sie zu beschreiben, aber sie sind alle offensichtlich durch die Narben, die sie am ganzen Körper hinterließen. Ein durchschnittlicher Mensch würde nicht länger als einen Tag unter dieser Situation leben können, aber er musste sie anderthalb Jahre lang ertragen.

Später erzählte er meiner Mutter, dass meine Briefe zusammen mit seinem Glauben an Falun Dafa die einzigen Dinge waren, die ihn davon abhielten, körperlich und geistig zusammenzubrechen.

Ich weiß nicht, wie es ist, im Alter von 42 Jahren seinen Job, seine Gesundheit, seinen Ruf und seine Freiheit zu verlieren, nur weil man dem Glauben an Wahrhaftigkeit, Mitgefühl und Toleranz folgt. Aber mein Vater hat das alles unter dem bösartigen chinesischen Regime erlebt.

Auch außerhalb der Gefängniszellen war das Leben für die Falun Dafa-Praktizierenden nicht gerade unbeschwert. Während mein Vater illegal festgehalten wurde, musste meine Mutter zwei Arbeiten nachgehen, um mich aufzuziehen. Sie stand um fünf Uhr morgens auf und ging gegen Mitternacht ins Bett, nur damit sie genügend Zeit hatte, ihre Arbeit zu beenden. Aber selbst dann hat sie es immer noch geschafft, mir viel Zeit zu widmen. Sie korrigierte jeden Tag meine Hausaufgaben und stellte sicher, dass es mir in der Schule gut ging. Sie nahm an jedem Elterntreffen teil und ging zu jedem Klassenfest. Meine Mutter verließ sich so sehr auf das wenige Geld, das sie verdiente, dass sie nie realisierte, wie leicht es ihr weggenommen werden konnte.

Seitdem mein Vater verhaftet worden war, überwachten zwei von der örtlichen Polizeistation angeheuerten Männer jede Aktivität meiner Mutter. Sie positionierten sich außerhalb ihres Arbeitsplatzes und machten es sehr offensichtlich, dass sie sie beobachteten und bereit waren, sie jederzeit zu verhaften. Der Manager meiner Mutter geriet in Panik und feuerte sie ein paar Monate später.

Jetzt, ohne festen Arbeitsplatz, musste sie immer von Ort zu Ort durch die Stadt eilen und verschiedene Kinder betreuen und kam daher oft zu spät, um mich von der Schule abzuholen. Dort wartete ich meist ganz aufgelöst in der Befürchtung, dass sie ins Gefängnis gebracht worden war.

Normalerweise verbinden Menschen den Verlust der Freiheit mit Gefängnis, aber auf dem chinesischen Festland ist die gesamte Gesellschaft ein großes Gefängnis. Sogar unsere Handys und Internetaktivitäten wurden überwacht. Jedes Mal, wenn ein Polizeifahrzeug in Sichtweite war, machte ich mir Sorgen, dass es wegen meiner Mutter gekommen war.

Die Institutionen dieses anormalen Staates berauben sogar die Kinder ihres Rechts und ihrer Fähigkeit zu denken und zu wählen. Jeder Erstklässler ist gezwungen, sich den „Jungen Pionieren der Kommunistischen Partei“ anzuschließen und muss schwören, die Partei mit seinem Leben zu verteidigen. Ich sagte meiner Mutter, dass ich nicht Teil einer Partei sein möchte, die Falun Dafa-Praktizierende verletzt und tötet. Aber als meine Mutter mit den Schulbeamten sprach, wurde ihr gesagt, dass ich keine Auszeichnungen oder Anerkennungen erhalten würde, wenn ich nicht Mitglied der Partei wäre. Meine Mutter sagte den Beamten, dass ich alles erhalten müsse, was ich verdiene, und es dürften keine politischen Bedingungen daran geknüpft sein.  

Meine Mutter verteidigte meine Rechte, aber sie konnte kaum ihre eigenen verteidigen, noch konnte sie meinen Vater aus dem Gefängnis holen, egal wie sehr sie es versuchte.

Eines Tages bat mich die Schuldirektorin aus dem Unterricht und versuchte, mich zu drängen, meine eigene Mutter wegen „Störung der sozialen Ordnung“ zu melden. Ich war schockiert, aber ich wusste auch, dass sie durch die Propaganda und die Gehirnwäsche der staatlichen Medien zu verwirrt war, um zu verstehen, was meine Mutter tat.

Und so lebten wir als zerbrochene Familie, unter einer unzumutbaren Überwachung und ständigen Belästigungen, in Armut.

Schließlich ließ das Lager meinen Vater frei, weil sein Blutdruck hochgeschnellt war, und sie nicht verantwortlich sein wollten, sollte er plötzlich sterben. Da entschied meine Mutter, dass wir China verlassen sollten. Im April 2011, in dem Wissen, dass wir vom chinesischen Zoll auf die schwarze Liste gesetzt worden waren und das Land nicht legal verlassen konnten, fuhren wir mit dem Bus nach Kunming City und bezahlten jemanden, der uns aus China nach Myanmar brachte. 

Ein älterer Herr begleitete uns. Wir überquerten die Grenze, indem wir nahe einem Sumpf entlangliefen, ohne jedwedes Hinweisschild und ohne nennenswerte Markierung. Unsere Eskorte sagte uns, wir sollten uns trennen, damit wir nicht so auffällig wären. An einem Punkt habe ich meine Mutter versehentlich auf einen falschen Weg geführt. Als wir schließlich wieder auf meinen Vater trafen, war sein Gesicht leuchtend rot vor Angst. Ich hatte ihn noch nie so ängstlich gesehen, auch nicht, als er mit feindseligen Polizisten konfrontiert worden war.

Er hatte allen Grund zur Sorge gehabt, denn unsere Familie hätte dadurch für immer getrennt sein können.

Wir brauchten etwa sieben Tage, um von China nach Bangkok, Thailand, zu Fuß, mit dem Auto und mit dem Boot zu gelangen. Es war eine sehr schnelle Reise für uns, wenn man bedenkt, dass viele Menschen Wochen dafür brauchen, und auf dem Weg dorthin viele körperliche Schwierigkeiten erleiden. Dank vieler gutherziger Menschen und des UN-Hochkommissars für Flüchtlinge konnten wir 2013 mit Rechtsstatus in die Vereinigten Staaten einreisen.

Wir haben unser Leben riskiert, um aus China herauszukommen und nicht den Rest unseres Lebens von den bösen Ideologien der Kommunistischen Partei unterdrückt zu werden, und um Glaubensfreiheit zu haben.

Ich habe diese Erzählung geschrieben, um das Bewusstsein für die anhaltende Verfolgung von Falun Dafa-Praktizierenden auf dem chinesischen Festland zu schärfen. Ich habe sie geschrieben, um die Welt wachzurütteln, damit wir aus den Lehren der Geschichte lernen und den Holocaust nicht wiederholen. Ich habe sie geschrieben und werde weiterschreiben, für die Kinder in meinem Alter oder noch jünger, viele von ihnen verwaist durch die Verfolgung, die unter alldem leiden, was ich hier beschrieben habe, und noch mehr, was unbeschreiblich ist. Schließlich habe ich im Namen von Millionen von Menschen geschrieben, die sich ein Ende der Verfolgung wünschen, aber dennoch darum kämpfen, unter dem repressiven kommunistischen Regime Chinas eine Stimme zu haben.

Quelle: A Falun Gong Family’s Daring Escape From China

Systematische Verfolgung seit 20 Jahren – 20. Juli 1999​

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