Des Bettlers Taschentuch

Nur durch selbstlose Handlungen wird der Himmel erschüttert und das Leben desjenigen mit wunderbaren Gaben beschenkt.
 

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Sterntaler von Victor Paul MOHN (1842-1911), Wikipedia Commons

Vor langer Zeit, da kam einmal ein durstiger Bettler an die Tür eines reichen Hauses. Die Herrin würdigte ihn keines Blickes. Ihre Diener wies sie an, ihn fortzuschicken.

Unter den Angestellten gab es eine hässliche Dienerin. Als diese den Bettler erblickte, empfand sie Mitleid für ihn und reichte ihm heimlich einen Becher mit Wasser und etwas übrig gebliebenes Essen. Dieser bedankte sich und sagte: „Ich habe nichts, was ich dir dafür zurückgeben könnte. Ich habe nur dieses Taschentuch. Nimm das doch bitte.“

Am nächsten Morgen wusch sich die hässliche Dienerin ihr Gesicht, wobei sie das Taschentuch benutzte, das ihr der Bettler am Tag zuvor gegeben hatte. Dann ging sie ihrer Arbeit nach. Im Speisezimmer bemerkte sie den seltsamen Blick der Dame des Hauses und fragte: „Ist etwas mit meinem Gesicht?“ Dabei wischte sie ihr Gesicht noch einmal mit dem Taschentuch ab. Die Herrin rief: “Was für ein Taschentuch ist denn das?“ Die laute Stimme der Herrin ließ alle anderen Bediensteten ins Esszimmer kommen. Die Dienerin lieh sich einen Spiegel und erkannte mit grossem Schrecken, dass sie schön geworden war.

Die Hausdame erkannte, dass das Taschentuch die Veränderung bewirkt hatte. Sie schnappte es sich und wusch sich damit das Gesicht. Doch es veränderte sich überhaupt nicht. „Woher hast du das Taschentuch?“ fragte sie die Dienerin. „Der Bettler, der gestern um Wasser bat gab es mir.“ Die Herrin bereute ihre Handlungsweise und befahl ihren Dienern, alle Bettler der Stadt zu ihr zu bringen.

Die Bettler kamen und aßen und tranken alles, was ihnen serviert wurde. Selbstgefällig stand einer nach dem anderen auf, um sich auf den Heimweg zu machen. „Wer hat ein Taschentuch?“ fragte die Hausherrin, doch keiner antwortete darauf. Da wurde sie wütend und schnappte sich den letzten Bettler. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als ihr sein dreckiges Taschentuch zu geben.

Augenblicklich wusch sie ihr Gesicht damit. Doch je mehr sie sich ihr Gesicht damit rieb, desto dunkler wurde es.

Gütige Handlungen können nicht erzwungen werden. Eine wirklich tugendhafte Tat entspringt aus dem reinen Herzen.

Würdigung:

  • Bild: Sterntaler von Victor Paul MOHN (1842-1911), Wikipedia Commons
  • Das Märchen „Die Sterntaler“ ist hier zu hören:
  • Die ersten 3 Minuten, Deutsch.

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