Traditionelle Kultur: Der Wert der Großzügigkeit
 

Traditionelle Kultur: Der Wert der Großzügigkeit

Das chinesische Volk hat in alter Zeit großen Wert auf die Tugenden Barmherzigkeit und Vergebung gelegt. Historische Überlieferungen bezeugen dies.

Die begnadigen, die begnadigt werden können

Während der Frühlings- und Herbstperiode (770–476 v. Chr.) konnte der König von Liang in einem Fall keine Entscheidung treffen. Er und seine Beamten waren sich nicht einig, ob sie die Beschuldigten bestrafen oder freilassen sollten.

Der König rief Fan Li zu sich, einen Mann, der für seine Weisheit bekannt war, und bat ihn um Rat.

Fan sagte: „Ich bin nur ein einfacher Mann und kenne mich in der Rechtsprechung nicht aus. Doch ich habe zu Hause zwei Jadesteine. Beide haben den gleichen weißen Farbton, das gleiche Gewicht und die gleiche Höhe. Jedoch ist der eine Stein 1.000 Goldstücke wert, der andere hingegen nur 500 Goldstücke.“

„Warum?“, fragte der König.

„Der eine Stein ist doppelt so breit wie der andere.“

Der König verstand Fans Botschaft und ließ die Beschuldigten frei.

Von da an begnadigte der König von Liang die Menschen, bei denen es vernünftig erschien, und belohnte seine Untertanen, wenn sie es verdienten. Und so war sein Volk sehr glücklich.

Briefe von Abtrünnigen verbrennen

Cao Cao kämpfte in einem großen Krieg während der späten Han-Dynastie gegen Yuan Shao, der viel mehr Truppen hatte als er. Dennoch gelang es Cao Cao, ihn zu besiegen.

Cao Caos Soldaten fanden Briefe von seinen Offizieren und Beratern, in denen es hieß, dass sie zu Yuan überlaufen wollten.

Cao Cao befahl den Soldaten, alle Briefe zu verbrennen, ohne sie zu öffnen.

Die Wachen verstanden nicht und fragten ihn: „Warum habt Ihr die Briefe nicht untersucht und die Überläufer getötet?“

Cao Cao antwortete: „Während des Krieges war Yuan Shao so gewaltig und respekteinflößend, dass nicht einmal ich wusste, ob ich gewinnen kann. Wie könnt ihr dann erwarten, dass ein vernünftiger Mensch mir gegenüber völlig loyal ist?“

Die Menschen waren von diesen Worten bewegt. Schließlich ergaben sich Cao Cao mehrere Städte, die unter der Herrschaft von Yuan Shao gestanden hatten.

Auf Schlechtes mit Gutem reagieren

Während der Frühlings- und Herbstperiode war Song Jiu Bezirksmagistrat im Königreich Liang. Sein Bezirk grenzte an das Königreich Chu.

Beide Königreiche hatten an der Grenze Soldaten stationiert.

Die Soldaten beider Königreiche pflanzten Melonen an. Doch die Melonen der Soldaten von Liang wuchsen besser, weil sie sie jeden Tag bewässerten. Die Melonen der Soldaten von Chu wuchsen hingegen nur langsam, weil sie nicht bewässert wurden.

Der Direktor von Chu schimpfte seine Soldaten aus, weil ihre Melonen nicht so gut wuchsen wie die der Soldaten von Liang.

Daraufhin gingen die Soldaten von Chu des Nachts oft in das Lager der Liang, um deren Melonenfeld zu verwüsten.

Als die Soldaten von Liang das herausfanden, baten sie Song Jiu um Erlaubnis, sich bei den Soldaten von Chu rächen zu dürfen.

„Das ist keine gute Lösung“, sagte Song. „Hass zu erzeugen, bereitet nur euch selbst Schwierigkeiten. Ihr dürft nicht schlecht handeln, nur weil andere Menschen Schlechtes tun. Lasst mich euch eine gute Lösung vorschlagen: Von nun an geht einer von euch jeden Abend in das Lager der Chu und bewässert ihre Melonen. Aber lasst sie nichts davon wissen.“

Sie taten, wie ihnen geheißen wurde, und schon bald sahen die Soldaten von Chu, dass ihre Melonen besser wuchsen. Irgendwann fanden sie heraus, dass die Soldaten von Liang dahintersteckten.

Der Bezirksmagistrat von Chu berichtete das dem König von Chu, der sehr beschämt war.

Er schickte Song Jiu eine Menge Geschenke, um sich zu entschuldigen, und unterzeichnete einen Freundschaftsvertrag mit dem König von Liang.

Laotse hat einst gesagt: „Erwidere eine schlechte Tat mit einer guten.“ Und in einem chinesischen Sprichwort heißt es: „Verwandle eine Niederlage in einen Sieg“ und „Profitiere aus einem Missgeschick“.

Dies ist ein bisschen der Weisheit, die auch heute noch zutrifft.

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