Die Rätsel der chinesischen Schriftzeichen (1)

Auftakt einer Serie über die Deutung und Hintergründe der Jahrtausende alten chinesischen Bildsprache


Die ältesten chinesischen Schriftzeichen fanden sich auf Orakelknochen. (Foto: Wikipedia)

Der Legende nach erfand der Beamte Cang Jie vor 4.000 Jahren die chinesischen Schriftzeichen. Im chinesischen Volk wird folgende Geschichte überliefert: „Cang Jie erfand die Schriftzeichen, dabei fielen Hirsekörner vom Himmel, und die bösen Geister weinten in der Nacht.“

Der Schriftsteller und Maler Zhang Yanyuan erklärte in der Tang-Dynastie (618-907) die obige Überlieferung wie folgt: Der Himmel könne seine Geheimnisse den Menschen gegenüber nicht mehr verheimlichen. Die Menschen würden durch das Lernen der Zeichen die Himmelsgeheimnisse erkennen. Das sei die gleiche glückliche Fügung, als ob vom Himmel Hirsekörner herunterfallen würden.

Die bösen Geister könnten sich nun nicht mehr verstecken, da die Menschen durch die Schriftzeichen die Grundsätze und die Prinzipien der Welt erkennen könnten. Deshalb sei es den Geistern nicht mehr möglich, die Menschen zu betrügen und zu belügen. Den Geistern bleibe als Trost nur, heimlich in der Nacht zu weinen.

Die chinesischen Schriftzeichen sind der Schatz der Schätze der chinesischen Kultur. Die Chinesen sprechen von „Einheit von Himmel und Menschen“, die sich auch in den chinesischen Schriftzeichen widerspiegelt. Die chinesischen Schriftzeichen beinhalten die Lehre des I-Ging, Fünf-Elemente und des taoistischen Yin-Yang, sie tragen umfassende Informationen von Himmel, Erde, Menschen, Ereignissen und Gegenständen, deren Zusammenhänge durch die Zusammenstellung der Zeichen bildlich dargestellt wird. So entstand auch im alten China das Wahrsagen auf der Basis von Schriftzeichen. Xu Shen, ein Forscher der chinesischen Schriftzeichen in der Dong-Han-Dynastie (25-220), hatte auf der Basis der Lehre des I-Ging und der Fünf-Elemente die Struktur der chinesischen Schriftzeichen analysiert und das wichtigste Buch über die chinesischen Schriftzeichen „Erklärung der Schriften und Analyse der Zeichen“ [Shuo Wen Jie Zi] erfasst.

Orakelknocheninschriften (Foto: Wikipedia)
In seinem Buch unterteilte Xu Shen die chinesischen Zeichen in sechs Kategorie: Xiàngxíng, „Bildzeichen“ – Piktogramme, die das Bezeichnete entsprechend der Erscheinungsform wiedergeben (z. B. 山 für Berg); Zhǐshì, „auf Tatbestände deuten“ – Symbole, Ideogramme; Huìyì, „Vereinigung der Bedeutungen“ – Zeichen, die aus zwei oder mehr Zeichen mit verschiedenen Bedeutungen zusammengesetzt sind und deren Inhalt mit dem neuen Gesamtinhalt zusammenhängt; Xíngshēng, „Form und Ton“ – Zeichen, die aus einem laut- und einem bedeutungsandeutenden Zeichen zusammengesetzt sind (Phonogramme). Ein Beispiel dafür ist das Zeichen 媽 (mā, „Mutter“). Die rechte Komponente 馬 (mǎ, „Pferd“) gibt die Aussprache an, während die linke Komponente 女 (nǚ, „Frau“) den Hinweis auf die Bedeutung gibt. Die bedeutungstragende Komponente ist oft auch das Radikal, nach dem die Zeichen in Wörterbüchern angeordnet werden; Jiǎjiè, „unter falschem Namen“ – Zeichen, die wegen gleichen Lauts für eine andere Bedeutung verwendet werden; Zhuǎnzhù, „wenden und gießen“ – Synonyme. Etwa 90% Prozent aller chinesischen Schriftzeichen fallen als Phonogramme in die Gruppe Xíngshēng „Form und Ton“.

Mann und Frau

男 bedeutet Mann. Das Zeichen setzt sich wiederum aus zwei weiteren Zeichen zusammen. Das Schriftzeichen im oberen Teil – 田 – bedeutet Feld, der untere Teil – 力- bedeutet Kraft. Der Mann ist als Kraft, die auf dem Feld arbeitet, zu verstehen, beschreibt das chinesische Herkunftswörterbuch „Erklärung der Schriften und Analyse der Zeichen“ [Shuo Wen Jie Zi] das chinesische Zeichen Mann 男. Im alten China hieß es: „Männer regeln die Angelegenheiten im Außen“ – daher gehörten die Feldarbeit, die Kriegsführung, Beamter werden und Geschäfte machen zu den Angelegenheiten der Männer. Ein Mann ist zuerst der Sohn seiner Eltern; dann, wenn er heiratet, der Mann seiner Frau, und wenn die beiden Kinder bekommen, der Vater seines Kindes.

女 bedeutet Frau. Alle Zeichen, die sich aus 女 zusammensetzen, haben etwas mit der Frau zu tun, wie 妻 (Ehefrau), 妇 (Hausfrau) und 母 (Mutter). Dabei setzt sich 妻 (Ehefrau) im oberen Teil aus Besen, und im unteren Teil aus 女 (Frau), zusammen, also eine Frau, die in der Hand einen Besen hält. Gegenüber den Männern regelten die Frauen im alten China die Angelegenheiten im Innen, also kochen, aufräumen und nähen.

義 Gerechtigkeit, Rechtschaffenheit, Treue

義, hat eine umfassende Bedeutungen, wie Gerechtigkeit, Rechtschaffenheit, Treu, Einhalt eigenes Versprechen. Das Zeichen setzt sich aus dem oberen Zeichen 羊 (Schaf) und dem unteren Zeichen 我 (ich). Das Schaf ist gefügig und gutherzig, das Lammfleisch schmeckt gut und ist nahrhaft und tonisch. Das Schaf ist daher im alten China ein Symbol von Glück und Wohl. Die Menschen verwendeten Lammfleisch als Opfergabe, um sich bei der Erde, dem Himmel und den Gottheit zu bedanken. „我 (ich) kommt ursprünglich aus der Orakelknocheninschrift und war dort ein Kampfgerät mit Sägezahn. „義“ — „我是羊 (Ich bin ein Schaf)“, bedeutet, dass man sich für die Gerechtigkeit opfern kann, so wie man einer Gottheit das Lammfleisch als Opfer darbringt. Mit dem chinesischen Schriftzeichen 義sollen die Menschen erkennen, welche Bereitschaft man haben und wie man leben soll. 義 gehört deswegen zu der Kategorie der chinesischen Schriftzeichen der „Zhiyi“ – „Vereinigung der Bedeutungen“ – Zeichen, die aus zwei oder mehr Zeichen mit verschiedenen Bedeutungen zusammengesetzt sind und deren Inhalt mit dem sich daraus ergebenden Gesamtinhalt zusammenhängt.

In dieser Reihe sind bisher erschienen:

1. 藥 (Yao) – Heilmittel, Medizin, Arznei, Medikament
2. 眞 (Zhen) – wahrhaft, wirklich, echt
3. 德 (De) – Tugend, Moral, Sittlichkeit
4. 善 (Shan) – barmherzig, gutherzig, mildtätig
5. 好 (Hao)– gut, schön
6. 家 (Jia) – Familie, Haushalt, Zuhause
7. 一 (Yi) – Eins, das Erste, das Ganze
8. 壊 (Huai)- schlimm, schlecht, böse
9. 黨 (Dang) – Partei, Klügel, Bündel
10. 醫 (Yi) – Medizin, medizinische Behandlung
11. 責 (Ze) – Pflicht, Verantwortung, fordern, strafen
12. 還 (Hai) – noch, noch immer
13. 悟 (Wu) – Erkennen, Verstehen und Begreifen
14. 道 (Dao) – Weg, Lauf, Pfad, Daoismus
15. 仁 (Ren) – Gutherzigkeit, Wohlwollen, Herzensgüte und Humanität
16 儒 (Ru) – Konfuzianische Schule, Gelehrter
17 夫 (Fu) – Ehemann, Gatte, Mann
18. 義 (Yi) – Gerechtigkeit, Rechtschaffenheit, Treue, Einhalten von Versprechen
19. 忍 (Ren) – Toleranz, Nachsicht, dulden, ertragen
20. 師 (Shi) Meister, Lehrer, eine militärische Truppeneinheit
21. 信 (Xin) Ehrlichkeit, Glaubwürdigkeit, Glauben


Quelle: http://www.epochtimes.de/china/china-kultur/die-raetsel-der-chinesischen-schriftzeichen-1-
a161918.html

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