Die Parade in Paris oder Falun Dafa ist gut

Vorgetragen auf der deutschen Fa-Konferenz 2017 in Kassel
 

Als die E-Mail kam mit dem Anmeldelink zur Teilnahme an der Parade in Paris, wusste ich eigentlich sofort, dass ich dort mitmachen sollte. Es war ein Gefühl einer sanften Bestimmtheit und eine alte Liebe zur Stadt Paris, in der ich vor vielen Jahren für einige Monate gelebt hatte. Trotzdem meldete ich mich nicht an. Es gab zu viele Gründe dagegen.

Die Gründe dagegen waren gewichtig. Es waren Ängste und negative Gedankenmuster im Zusammenhang mit anderen Menschen. Durch viele Erlebnisse in meinem Leben war eine vielschichtige, generalisierte Angst vor Menschen entstanden. Denn wo immer andere Menschen sind, da ist auch der Schmerz und das Leid.

Das Schmerzlichste war für mich die Kindheit, Es war unwichtig, wer ich war. Adoptiv-Eltern und Lehrer bestimmten, wer ich sein sollte, was ich können sollte und wozu ich fähig sein sollte. Ihr Urteil war vernichtend; an mir musste verbessert, korrigiert und abgeändert werden, sonst meinte man, dass ich nicht tauglich sei für ein Leben in dieser Welt. Ich, so wie ich war, hatte darin keinen Platz.

Mein halbes Leben lang versuchte ich also, so zu werden, wie es in meinem Umfeld verlangt und als richtig angesehen wurde. Doch all mein Bemühen war umsonst. Nicht nur, dass ich die Vorgaben nicht erreichte, es war unmöglich, die Menschen in meinem Umfeld zufriedenzustellen. Die Etiketten, die auf mir klebten, waren fix: Ich würde nicht viel vom Leben zu erwarten haben. Meine Eltern waren von mir enttäuscht, zählten für sie doch die greifbaren Werte von Ausbildung, Beruf, Einkommen, einen repräsentativen Ehepartner haben, Stand und Ruf.

Durch mein Streben, ihren Ansprüchen gerecht zu werden, wurde ich blind und taub gegenüber mir selbst und verlor meine innere Orientierung. Ich vertrug das Leben immer weniger. Die stärker werdenden Gefühle von Enge und Minderwertigkeit manifestierten sich im Erwachsenenalter in Panik-Attacken. Nach und nach vermied ich, öffentliche Verkehrsmittel, Einkaufshäuser und gesellschaftliche Anlässe. Auch konnte ich nicht mehr durch längere Tunnels fahren, ohne eine Panik-Attacke zu bekommen. Die Schwäche in den Händen und Beinen ließen mich befürchten, die Kontrolle über das Auto zu verlieren. Darum vermied ich dann auch dieses.

Warum sollte ich also nach Paris fahren? Was ich konnte, konnten andere weit besser. Und der Meister hatte doch gesagt, dass es keine Rolle spiele, wer die Arbeit tue. Sollten nicht die jeweils besten und geeignetsten Praktizierenden die Arbeiten für Dafa übernehmen? Würde ich nach Paris zur Parade fahren, so bedeutete dies doch, dass eine minderbegabte Dafa-Praktizierende Einsatz leisten würde. Ich wäre im Zug über mehrere Stunden mit vielen Reisenden zusammengepfercht und gefangen. Um an die Ausgangspunkte vor Ort zu gelangen, müsste ich in die Tiefe der Metro hinabsteigen, wo kein Licht, kein Grün, viel Schmutz und kein Quäntchen frische Luft zu finden sind. Ich müsste meine Nervosität und Fluchtimpulse aushalten und Menschenmengen ertragen.

Schon bevor ich zu praktizieren begonnen hatte, hatte ich meine Lebensthemen unter Zuhilfenahme von Therapien bearbeitet. Als ich mit dem Praktizieren anfing, konnte ich alle Therapien sofort oder nach Erkenntnisgewinn aufgeben. Zusammen mit Dafa bin ich weiter, höher und tiefer gekommen, als es über die Therapeuten je möglich war. Das Angebot und die Einladung des Meisters, unabhängig davon, wer ich bin und wie die konkreten Lebensumstände sind, mich kultivieren zu dürfen, hat mich besonders berührt. Was? Da ist jemand der mir die Hand reicht, einfach so? Seit Anbeginn der Kultivierung konnte ich mich auf die Zusagen des Meisters verlassen. Und es tat mir jedes Mal sehr leid, wenn es sehr lange dauerte, bis ich wieder etwas verstanden hatte, um den nächsten Schritt tun zu können.

Der schwierigste Prozess war das Zurückkehren ins Innere und ins Herz. Ich war stark nach Außen orientiert und an den Wünschen anderer ausgerichtet. Ich hatte versucht, die Welt und was mir geschah mit meinem Intellekt und dem Wissen aus Büchern erträglich, verstehbar und erklärbar zu machen. Dabei war ich immer wieder gegen die Wand gelaufen und nicht mehr weitergekommen. Es war eine unzureichende Art, Innenschau zu halten. Auch „dem natürlichen Lauf zu folgen“ war für mich schwer zu fassen, fühlte ich mich doch für alles verantwortlich und vor allem schuldig. Erst seit kurzem habe ich erkannt, dass in der Leere die Fülle und im Nichts alles ist. Wenn ich dem natürlichen Lauf folge, bin ich sozusagen im Fluss des Lebens, der alles beinhaltet und bereithält. Ich bekomme sozusagen nicht nur all die Mechanismen, die die Kultivierung des Haupturgeistes möglich machen, sondern auch noch die Fähigkeiten, die nötig sind, um den Weg an und für sich, mit all seinen Herausforderungen und Aufgaben gehen zu können.

Als die E-Mail von der Dafa Vereins-Vorsitzenden kam, dass für die Parade in Paris noch Praktizierende gesucht würden, wusste ich, dass dies der letzte Aufruf vor dem Abflug war. Ich wollte nochmals darüber nachdenken. Doch ich kam irgendwie nicht dazu. Ich vernahm eine Art Ruf, der so „herzzerschmelzend“ war, dass ich nur noch ja sagen konnte. Gleichzeitig stieg mein Mut und die Angstvorstellungen wurden schwächer. Über die Tage vor der Parade erlebte ich, wie sich Knoten im Herzen und im Bauch auflösten. Obwohl es noch unsichere Faktoren gab – mein Wunsch gehen zu können, blieb unveränderlich. Ich tat also, was ich seit Jahren schon nicht mehr getan hatte: Ich stieg in einen Zug ein.

In Paris fand der erste Umzug am Samstag statt. Der 4 Kilometer lange Weg würde uns von der Trinité Kirche bis zum Louvre führen. Ich war pünktlich dort und beobachtete die Szene. Mir war nicht klar, was ich an diesem Tag für eine Aufgabe haben würde. Es gab nicht wirklich einen ersichtlichen Bedarf an Mithilfe – alles war wunderbar organisiert, jeder schien zu wissen, was er zu tun hatte.

Da kam irgendwann eine Praktizierende auf mich zu. Sie verneigte sich mit aneinandergelegten Händen und überreichte mir zwei Lotosblüten-Anhänger. Dabei deutete sie auf mich. Ich fragte, ob ich die Lotosblüten an die Menschen verteilen sollte, und sie zeigte wieder mit dem Finger auf mich und ich verstand, diese beiden Anhänger waren für mich gedacht. Dann verneigte sie sich nochmals und ging weg. Ich war verwundert über ihr außergewöhnliches Verhalten und wusste gleichzeitig, was es bedeutete: Ich sollte heute die kleinen Anhänger und Flyer verteilen. Also stürzte ich mich in diese Aufgabe hinein, fing einfach an, ohne viel zu denken. Mit der erhebenden Energie vor Ort und dem Wissen, dass jeder einzelne Anwesende sein Bestes geben würde, wollte auch ich meine Aufgabe erfüllen.

Dabei erlebte ich, wie verschieden die Menschen auf Dafa reagierten. Von Überforderung, Ungläubigkeit, Ärger, Bestürzung, neutraler Offenheit, ehrlichem Interesse bis hin zu dem dringenden Wunsch, mehr zu erfahren, die Broschüre zu empfangen. Ich versuchte zu erfassen, in welcher Lage sich der Mensch befand, um ihm das Richtige zukommen zu lassen. Die Zeit verging wie im Flug und obwohl die Arbeit des Verteilen und Sprechens selbst leicht war, strengte sie mich an wie selten etwas, als hätte ich einen Berg erklommen.

Am Morgen des zweiten Tages erinnerte ich mich an einen Ausschnitt meines Traumes. Ich war bei der Parade, verteilte aber keine Flyer sondern trug etwas. Ich konnte aber nicht sehen, was. Vor Ort bereitete ich mich wieder auf das Verteilen der Flyer vor, als eine Frau jedoch händeringend nach Praktizierenden suchte, die die Bildnisse der infolge der Verfolgung Verstorbenen tragen wollten. Mir war klar, was ich tragen würde. So gab ich die Flyer und Anhänger ab und bekam ein Bild zugeteilt. Jemand hatte noch ein gelbes Falun Dafa T-Shirt für mich. Es hatte die Größe S, ich kaufe sonst für mich selbst L oder XL. Wie kam ich in dieses T-Shirt hinein? Im Nachhinein musste ich lachen – mit Mitgefühl und Toleranz natürlich. Während des Einreihens fragte ich mich, welchen Satz oder welches Bild ich während der Parade halten sollte.

Die Parade war für mich beides: eine Manifestation und ein Fest des leben-gebenden Fa, gleichzeitig ein Trauermarsch für die Menschen, die sich in jenem Fa kultivieren wollten und dafür paradoxerweise ihr menschliches Leben verloren haben. Ich beobachtete die chinesischen Praktizierenden, wie sie sich in dem Wissen, um was es geht, rührend um die Touristen aus ihrem Heimatland bemühten. Die Propaganda der Regierung hat die Menschen sichtbar verunsichert.

Was habe ich nun aus dieser Erfahrung gelernt? Ich würde es so zusammenfassen: Über die Begrenzungen hinauszugehen, ist mir möglich dadurch, dass ich Vertrauen habe in die Güte des Meisters und mich geborgen fühle im Dafa – jeden Tag und immer wieder neu.

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